Die Tempo-Welt ist klein

BildWerner Behmer betreibt mit seiner Familie in Werl-Büderich einen Raumausstatter-Meisterbetrieb. Bereits vier Generationen vor ihm waren als Sattler und Polsterer tätig. Der heute 61jährige erinnerte sich immer wieder gerne an seine Kindheit am Büdericher Hellweg und an Vater Heinrichs fahrbaren Untersatz, einen Tempo Boy von 1952. Heinrich Behmer war Anfang der 1950er Jahre regelmäßig mit seiner 98er Sachs unterwegs, an die er einen kleinen Anhänger befestigte, auf dem Polstermöbel und Material transportiert wurden. Ihm stand der Sinn nach einem komfortableren Gefährt, das er in einem Tempo Boy mit Tiefpritsche fand. Beim Ford- und Tempo-Händler Hermann Siedler in Soest wurde das Fahrzeug in Auftrag gegeben. Zum damaligen Preis von DM 2.900,-- lieferte dieser am 09.12.1952 einen Tempo Boy Dreiradwagen mit tiefliegender Pritsche in blauer Farbe mit der Bereifung 4.50-16, der Behmer bis 1969 treue Dienste leistete.
BildGenutzt wurde die Tempo Boy Tiefpritsche in erster Linie, um Material heranzuschaffen und fertigte Polstermöbel auszuliefern. Unvergessen sind aber auch zahlreiche Fahrten mit dem 10 PS starken Gefährt über die Büdericher Haar ins ca. 3 Kilometer entfernte Schlückingen. Dort besaß die Familie Behmer eine Obstwiese. Äpfel und Birnen wurden mit dem Tempo nach Büderich transportiert. Hin und wieder ging es mit dem Gefährt auch ins sauerländische Brilon-Radlinghausen zur Verwandtschaft. Werner Behmer erinnert sich noch gut an solche Fahrten. Vater und Mutter saßen vorne im Tempo. Er durfte mit seiner Schwester auf der Pritsche neben den 10 Zentnern Obst Platz nehmen und fand das ganz toll. Für die rund 85 Kilometer lange Strecke wurden damals etwa zweieinhalb Stunden benötigt.
BildDie Wartung und kleinere Reparaturen übernahm die in Behmers Nachbarschaft an der B 1 in Büderich liegende Werkstatt Püttmann. Dort wurde der Motor des kleinen Lieferwagens 1965 auch noch einmal gründlich überholt. Die Zylinder wurden geschliffen, Lager und Simmeringe wurden ebenso erneuert wie Dichtungen und der Gaszug. Die Reparaturkosten von DM 365,70 waren die letzte größere Investition in das Dreirad. 1969 war es einfach aufgebraucht und wurde zur Verschrottung abgemeldet. Letztendlich war es nur so lange genutzt worden, da Vater Behmer nur den alten Führerschein der Klasse 4 aufweisen konnte, mit dem er Fahrzeuge mit einem Hubraum von maximal 250 ccm fahren durfte. Ein Kohlenhändler aus dem Kreis Unna übernahm das Gefährt und setzte es wohl noch auf seinem Lagerplatz ein.
BildSeit einigen Jahren spielte Werner Behmer mit dem Gedanken, sich einen Tempo Boy zuzulegen und zu restaurieren. Doch bei der Absicht blieb es zunächst. Sein Sohn Guido griff diesen Gedanken auf und recherchierte über Monate im Internet nach einem passenden Tempo, der als Geschenk zum 60. Geburtstag gedacht war. Er fand schließlich ein Fahrzeug, das der vor mehr als 50 Jahren beschafften Tiefpritsche entsprach. Zuletzt war es bei einer Gärtnerei in Selm als Blickfang mit Blumendekoration genutzt worden. Er kaufte es und stellte es zunächst bei einem Freund unter, um es dann mit dessen Hilfe, gemeinsam mit Mutter Gerda und Schwester Heike dem Vater zum Geburtstag zu präsentieren. Der war überrascht und erfreut, war er doch nun stolzer Besitzer eines Tempo Boy, von dem im Zeitraum von 1950 bis 1956 lediglich 5.930 Stück gebaut worden waren. Die Hälfte der Boys wurde übrigens mit einem Tacho ausgeliefert. Werner Behmer entsann sich der alten Unterlagen über des Vaters Tempo, die noch existierten. Er verglich die Fahrgestell-Nummer der Neuerwerbung mit den Angaben auf der noch vorhandenen Originalrechnung von 1952. Dabei glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können, denn die Nummern stimmten überein. Sein Sohn hatte den verschrottet geglaubten Tempo Boy erstanden. Nach mehr als 38 Jahren war der Lieferwagen wieder nach Büderich zurück gekehrt und steht seit Vollendung der Restauration sogar wieder auf seinem alt angestammten Stellplatz.
BildIn der Folgezeit wurde aus dem mit grüner Farbe überpinselten Dreirad mit viel Liebe und Aufwand und der Hilfe von Kollegen des Tempo-Clubs wieder ein ansehnliches Dreirad, das exakt dem Zustand entspricht, wie es in den 1950er Jahren in und um Büderich unterwegs war. Der originale, wassergekühlte ILO Zweitakt- Doppelkolbenmotor war beim Kauf noch im Fahrzeug verbaut, konnte allerdings trotz erheblicher Bemühungen  nicht mehr in Betrieb genommen werden. Ein Tauschaggregat wurde montiert. Viele Kleinteile konnten aus dem Fundus der Club-Kollegen übernommen werden. Die Pritsche wurde erneuert. Die Sitzbank und die spärliche Rückenlehne wurden komplett im eigenen Betrieb überarbeitet, schließlich betreibt Familie Behmer eine Polsterei. Die Beschlagteile wurden gereinigt und pulverbeschichtet, neue Reifen aufgezogen. Beim Fototermin am 19. Mai zeigte sich der kleine Lieferwagen in bester Form. Neben dem wahnsinnig großen Wendekreis fiel besonders die Lackierung des Fahrzeugs auf. Gewählt wurde ein Lack, der eher stumpf wirkt und das Fahrzeug nicht wie eine Speckschwarte glänzend lässt. Werner Behmer erinnert sich noch genau an die Lackierung des Tempos vor zuletzt 40 Jahren. 1965 hatte er selbst den Führerschein erworben und konnte noch einige Jahre mit dem Boy die Gegend um Büderich herum unsicher machen. Heute fährt er bei schönem Wetter wieder mit des Vaters Tempo durch die Gegend. Freunde, Bekannte und Nachbarn, die sich noch an die alte Zeit erinnern, erfreuen sich am Anblick des restaurierten und in die heimatliche Garage zurück gekehrten Veteranen.

Fotos: Manfred Koch, Archiv Behmer
Text: Manfred Koch