Zwanzig Jahre Wörnitz

BildAuch zwanzig Jahre nach dem ersten Treffen in Wörnitz gibt es während der letzten Kilometer in Richtung Autohof für viele Teilnehmer und Besucher immer noch eine gewisse Anspannung und leicht erhöhten Blutdruck. Welche neuen Fahrzeuge werden in diesem Jahr vorgestellt? Welche alten Freunde sind da? Was gibt es Neues in der Szene? Diese und ähnliche Fragen bewegen die Anreisenden. Auch in diesem Jahr konnte Wörnitz wieder allen Erwartungen gerecht werden. Professionell organisiert fanden rund 250 alte Laster mit ihren Besatzungen einen Stellplatz auf dem Autohof sowie alle Annehmlichkeiten der Zivilisation geboten. Viele bekannte Fahrzeuge waren zu sehen. Es wurde aber auch eine große Anzahl von bisher unbekannten oder gerade frisch restaurierten LKW vorgestellt. Das alle zwei Jahre stattfindende Treffen ist für viele Veteranenfreunde ein im Kalender fest eingetragenes Ereignis, das auf gar keinen Fall verpasst werden darf. Die Nutzfahrzeug-Veteranenszene in Deutschland ist mittlerweile jedoch so groß geworden, das nicht annähernd alle noch existierenden alten Laster auf dem Autohof Platz finden würden. Daher ist es nur zu begrüßen, dass es auch Parallelveranstaltungen gibt, wie z. B. das Treffen in Selestat in Frankreich, zu dem viele Kollegen aus dem Südwesten der Republik gefahren sind. Beim Ansehen der Fotos von Treffen der letzten Jahre werden einige alte Hasen vermisst. Die Lücke, die sie hinterlassen, wird jedoch von jungen Altlasterbegeisterten geschlossen, die sich für Fahrzeuge interessieren, die vor zwanzig Jahren noch auf dem regulären Parkplatz des Autohofes standen und damals noch aktuell im Einsatz waren.
BildDas diesjährige Treffen in Wörnitz fand am zweiten Septemberwochenende statt. Anreisetag war für viele Teilnehmer traditionell schon der Freitag. Nach einer z. T. langen und anstrengenden Anreise aus allen Teilen der Republik, aber auch aus Österreich, Frankreich und den Niederlanden wurde der Abend zur Regeneration und Erholung genutzt. Neben dem Restaurant des Autohofs gab es in diesem Jahr wieder viele Möglichkeiten, Hunger und Durst zu stillen. Der Besitzer eines 90er Mercedes hatte eine NVA-Gulaschkanone dabei, die randvoll mit Gulasch gefüllt war. Für alle Hobbykollegen kostenlos teilte er Gulasch, Brötchen und Getränke aus. Im benachbarten „Sauf-Bus“ gab es Bier und andere Getränke, ohne dafür zahlen zu müssen. Es sind auch diese Kollegen, die ein solches Treffen ausmachen und zum Erfolg der Veranstaltung beitragen. Ihnen sei an dieser Stelle gedankt wie auch den Besitzern der alten Laster, die es mit viel Engagement, einem enormen Zeitaufwand und ebenso vielen finanziellen Mitteln ermöglichen, den Besuchern und Kollegen in Wörnitz ihre Fahrzeuge zu zeigen. Wer in der heutigen Zeit, in der alle Welt von einer Wirtschaftskrise redet, mit einem alten LKW aus dem hohen Norden Deutschlands bis ins Land der Franken fährt, dem muss viel an seinem Hobby liegen.
BildAn dieser Stelle alle neu vorgestellten Fahrzeuge aufzulisten, sprengt den Rahmen der Seite. Es sollen aber einige interessante Fahrzeuge näher erwähnt werden. So erschien am Samstag Peter Edenharder mit einem imposanten Gespann. Ein dreiachsiger Tiefladeauflieger wurde gezogen von einem Mercedes-Benz LS 2624. Der schwere Rundhauber mit langem Haus lief im Jahre 1986 als 6x4-Fahrgestell vom Band und erhielt bei Haller einen Müllwagenaufbau. Bereits seit einigen Jahren setzt Edenharder den Mercedes jetzt vor dem Tieflader ein, auf dem ein weiterer historischer Mercedes stand. Der L 312 soll noch um einen Spülwagenaufbau ergänzt werden, der derzeit in Arbeit ist. Eine weitere interessante Mercedes-Benz-Zugmaschine brachte Jens Prüser aus der Lüneburger Heide mit nach Wörnitz. Sein Mercedes-Benz LPS 2023 zog einen T&A-Tanksattelauflieger mit Hoyer-Beschriftung. Ebenso fotogen wie die beiden genannten Fahrzeuge war der Fiat 691 N 3, den Peter Rettenmeier mitbrachte. Der Vierachser, der 1974 gebaut wurde, zog einen Vierachsanhänger Typ TS 1 N 750 von Calabrese aus dem Jahr 1972. Derartige Gespanne waren noch in den 1990er Jahren in Italien weit verbreitet, um die 44 to zulässiges Gesamtgewicht des Lastzuges auf möglichst viele Achsen zu verteilen. Aus einem Hubraum von 13.798 cm³ holte das Triebwerk eine Leistung von gerade einmal 220 PS. Die Übersetzung war jedoch so ausgelegt, dass die Kraft dort ankam, wo sie gebraucht wurde. Die gewünschte Wendigkeit des Fahrzeugs wurde über z. T. lift- und lenkbare Vor- und Nachlaufachsen am Zugfahrzeug und Anhänger erreicht. Rettenmeier möchte den Lastzug übrigens abgeben. Wer also Interesse hat an einem ausgefallenen Pseudo-Eurocombi, der möge mit ihm Kontakt aufnehmen.
BildWunderschöne und größtenteils in Deutschland bisher unbekannte Fahrzeuge brachte eine zahlenmäßig stark vertretene Abordnung aus Österreich mit nach Wörnitz. LKW von Steyr, Saurer und ÖAF fanden den Weg zum Treffen. Ähnlich stark vertreten war die Gruppe der Kollegen aus den Niederlanden. Sie reisten  mit LKW in landestypischer Aufmachung an. Viel Anklang fanden auch die Kippfahrzeuge der Firma Hieke aus Pforzheim, die z. T. noch täglich im Einsatz sind. Im Gegensatz zu einigen hochglanzlackierten und klinisch rein dastehenden Lastern von Turbo-Sammlern hatten sie genau die Patina und verbreiteten den Flair, der bei kritischen Betrachtern gut ankam. Sie sahen aus wie Fahrzeuge während ihrer aktiven Laufbahn und nicht wie Laster, die einem Prospekt entsprungen schienen. Bemerkenswert war auch die Krupp-Sammlung der Firma Wamsler aus Arberg, die mit drei nahezu identischen Krupp Kippern des Typs 380 kam. Vor zwei Jahren standen zwei der hellblau lackierten Dreiachser in Wörnitz. Wie zu erfahren war, ist der vierte in Arbeit. Von dort ist also noch einiges zu erwarten.
BildGrundsätzlich war festzustellen, dass die Qualität bzw. die Art und Weise der Erhaltung der Fahrzeuge in den letzten zwanzig Jahren deutlich besser geworden ist. Standen während der ersten Treffen in Wörnitz oft abgehalfterte Ruinen, die mit Mühe und Not den Weg nach Wörnitz geschafft hatten, auf dem Parkplatz, so sind die meisten Fahrzeuge heute durchweg ordentlich restauriert bzw. Instand gesetzt. Über die Art und Weise der Restaurierung und Gestaltung der alten Laster gibt es natürlich immer noch große Meinungsverschiedenheiten, über die auch z. T. heftig diskutiert wurde. Es ist aber festzustellen, dass über dieses Thema miteinander geredet wird. Warten wir also ab, welche Entwicklung  in diesem Bereich in den nächsten zwanzig Jahren gemacht wird, wenn es in der Überschrift heisst „40 Jahre Wörnitz“. Es ist auf jeden Fall davon auszugehen, dass das Treffen auch in Zukunft im Zweijahresrythmus in Wörnitz stattfinden wird.  

Text:  Manfred Koch
Fotos:  Manfred Koch, Ortwin Powalski, Herwig Brettschneider