Das Matadörchen

BildFrank Gries aus Oldenburg ist in der Oldtimerszene bekannt durch seinen „weißen Riesen“, der offiziell auf die Bezeichnung MAN-Büssing 22.320 hört. Der Oldtimerbazillus, der besonders in der Variante Büssing nahezu unheilbar ist, befiel ihn endgültig auf dem Treffen 1993 in Braunschweig. Selbst früher einmal als Fahrer eines MAN-Unterflur mit Kühlkofferaufbau unterwegs, erzählte ihm sein damaliger Chef ständig von den Vorzügen der Büssing-LKW. Frank lies sich davon überzeugen und beschaffte und restaurierte seinen Dreiachser. Doch nicht nur die großen historischen Nutzfahrzeuge hatten es ihm angetan. Auch die am anderen Ende der Nutzlastskala angesiedelten Kleinlaster interessierten ihn. So kaufte er 1999 einen Tempo Matador I, der im Jahre 1960 das Fließband verlassen hatte. Der mit einer Lenkradschaltung versehene 2,5 Tonner wurde angetrieben von einem Austin-Benzinmotor. Drei Jahre lang fuhr Frank den Laster, bis ein Unfall dessen Dasein ein Ende setzte. Kurz vor der Abfahrt zum Treffen im Schwarzwald 2001 fuhr ihm ein PKW in die Seite. Eine Aufarbeitung des Fahrzeugs lohnte nicht mehr.
BildIn Schlechtbach im Schwarzwald erfuhr er, dass in Schopfheim in der Nähe des Wohnorts der Kollegen Dieter Stebner und Jürgen Roschig ein ähnlicher Tempo stand, der abzugeben war. Frank wurde sich mit dem Besitzer einig und erstand einen Matador 1400, gebaut im Tempowerk Vidal & Sohn in Hamburg. Angetrieben wird der im April 1954 erstmals zum Straßenverkehr zugelassene Winzling von einem Heinkel-Motor des Typs TE 680. Der 1.092 ccm große 4 Zylinder-4 Takt-Motor erbringt eine Leistung von 34 PS. Diese Motorisierung reicht aus, um die 1.120 kg Eigengewicht und noch 1,4 to Zuladung von der Stelle zu bewegen. Doch vor dem Genuss einer Fahrt mit der Neuerwerbung waren noch einige Arbeiten zu erledigen. Der 1954 in der Schweiz zugelassene Kleinstlaster, der am 6. Oktober 1989 in Deutschland zugelassen und am 2. Januar 1996 stillgelegt worden war, sollte noch eine Menge Arbeit machen.
BildDas Fahrzeug stand in der hintersten Ecke eines Fabrikgeländes und war zugestellt mit allerlei Gerümpel. Der Kollege Roschig erklärte sich bereit, den Tempo aus dem Verließ zu befreien. Nachdem er das Gebüsch um den Wagen entfernt hatte, bemerkte er auf der anderen Seite des benachbarten Gebäudes einen Autokran. Kurz entschlossen sprach er den Kranführer an und bat ihn, den Tempo doch einfach über das Dach zu heben. Jürgen sparte sich eine Menge Arbeit und der Tempo kam in den Genuss eines Höhenfluges. Anschließend reiste Frank mit seinem Büssing nach Schopfheim. Das Verladen des Leichtgewichtes mit einem Gabelstapler auf die Wechselbrücke war ein Kinderspiel. Im September 2001 stand das Restaurierungsobjekt dann in der Halle von Frank in Oldenburg.
BildDa Frank keine halben Sachen macht, zerlegte er das Fahrzeug komplett. Die Alu-Pritsche wurde entsorgt, da sie zu lang war. Motor und Getriebe wurden zerlegt. Das Getriebe machte Geräusche. Wie sich während der Reparatur herausstellte, waren einige Zahnräder defekt. Aus zwei Getrieben baute Frank ein funktionsfähiges. In gleicher Weise ging er beim Motor vor. Aus zwei Motoren wurde ein betriebsbereiter gebaut. Die Bremsleitungen wurden komplett erneuert, der Hauptbremszylinder aufgearbeitet. Das Fahrerhaus und die Türen waren noch in einem relativ guten Zustand. Teile der Karosseriebleche wurden erneuert. Anschließend lackierte Frank die Einzelteile des Bausatzes und baute alles wieder zusammen. Die Pritsche fertigte er komplett neu. Sie ist etwa einen halben Meter kürzer als die zuletzt aufgebaute.
BildNach etwa drei Jahren Restaurationszeit war der Tempo Matador, der von Franks drei Frauen auch Matadörchen genannt wird, fertig. Erste Fahrten zu Veranstaltungen im Norddeutschen Raum konnten in Angriff genommen werden. Im Alter von mehr als fünfzig Jahren wurde der Tempo zu Beginn seines zweiten Lebens noch einmal zum bestaunten Mittelpunkt auf vielen Treffen. Auch beim Treffen in Wörnitz im August 2005 stellte er so manchen zum Wohnmobil umgebauten Fernlaster dank seiner authentischen Beschriftung und Beladung in den Schatten.

Text: Manfred Koch
Fotos: © Frank Gries