Odenwald-Spediteur – die Geschichte des Transportunternehmens August Kreim

BildAugust Kreim war gelernter Schmied und hatte Mitte der 1920er Jahre wegen Arbeitsmangel den Odenwald verlassen, um im Rheinland-Pfälzischen Ober-Hilbersheim eine Anstellung als Fahrer eines Post-Linienbusses anzutreten. Zu seinen Stammstrecken gehörte die Verbindung von Wörrstadt nach Gau-Algesheim und zurück. Für die Reichspost fuhr er dort so aufregende Gefährte wie einen DAAG 55 PS Postomnibus oder einen Benz Type 2 C, der von einem 40 - 45 PS leistenden Motor beflügelt wurde. Diese Personenbeförderung zwischen Haltestellen stellte den jungen Mann aber nicht wirklich zufrieden. So wagte er schon kurze Zeit später den Schritt in die Selbständigkeit. In einem Tonwerk in der Nähe seiner Heimat stand ein MAN 5 KVB/4 zum Verkauf. Dieses noch mit Vollgummibereifung ausgerüstete Fahrzeug erwarb Kreim und fuhr fortan Dinge wie Ton, Steine und Basalt durch den Odenwald. Das Fahren des unhandlichen LKW, aber auch das Be- und Entladen, das natürlich von Hand erfolgte, waren harte Knochenarbeit. Der Fünftonner blieb aber trotzdem noch einige Jahre bei Kreim im Einsatz. Als die Familie Kreim 1933 in das neu erbaute Wohnhaus in der Darmstädter Straße 45 in Brensbach zog, war der LKW noch vorhanden. Da gab es aber auch schon neuere und modernere Laster im Fuhrpark. So ist auf einem Foto aus dem Jahr 1934 ein MAN Z 1 zu sehen. Dieser 3 Tonner wurde kombiniert mit einem Anhänger sogar im Fernverkehr eingesetzt. Solche Fahrten absolvierte mit Vorliebe der Bruder des Firmeninhabers. Er war zwar Landwirt, seine Leidenschaft aber galt der Fernfahrt. So engagierte er hin und wieder Arbeiter für seine Landwirtschaft, um mit dem MAN auf große Fahrt gehen zu können. Die führte ihn und seinen Beifahrer dann auch schon einmal bis nach Berlin. Das war in der Mitte der 1930er Jahre eine Angelegenheit von mehreren Tagen, denn es gab noch keine Autobahnen. Also ging es in mäßigem Tempo über Landstraßen und durch Ortschaften.
Bild1939 trat von heute auf morgen eine gravierende Änderung im Alltag der Kreims ein. Alle vier vorhandenen MAN, neben dem Z 1 auch ein Viertonner D 1 und ein gewaltiger F 4 wurden bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitsamt den Fahrern eingezogen. Zunächst wurden sie in Frankreich und später beim Russlandfeldzug eingesetzt. Im Gegensatz zu manch anderem Spediteur durfte August Kreim zunächst in Brensbach bleiben. Er erhielt als Ersatz für seine vier Fahrzeuge einen Henschel 40 S 1 zugeteilt. Mit dem 4,5 Tonner, der übrigens in der Zeit von 1937 bis 1945 in rund eintausend Exemplaren gebaut wurde, musste er kriegswichtige Transporte in der Heimat durchführen. Der 95 PS leistende Dieselmotor wurde mit Treibstoff aus einem zwischen Fahrerhaus und Pritsche angeordneten Holzvergaser angetrieben. Neben der verminderten Ladelänge bedeutete der zusätzlich angebrachte Kessel aber auch zusätzliches Leergewicht des Fahrzeugs. Außerdem musste Treibstoff in Form von Holz mitgeführt werden, was die Nutzlast zusätzlich verringerte. Aufgabe des jungen August Ludwig Kreim war es in dieser Zeit, den Vater nach Kräften zu unterstützen. Juniors Hauptarbeit bestand darin, dafür zu sorgen, dass immer ausreichend Holz für den Holzvergaser bereit lag. Pro Arbeitstag wurden fünf bis sechs Säcke trockenen Holzes benötigt. Hatte der junge Herr Kreim tagsüber seine Arbeit vernachlässigt, so konnte es am Abend schon einmal „schmerzhaft“ werden. Auf dem Hof lagerten immer 30 bis 60 Festmeter Holzstämme zum Vortrocknen. Mit einer Bandsäge wurden sie zu handlichen Stücken geschnitten und danach kleingehackt. Im Sommer konnten die Holzstücke anschließend im Hof zum Trocken ausgebreitet werden, solange es nicht regnete. Da dies aber keine Dauerlösung war, wurde neben der Garage ein Trockenraum eingerichtet. Dort konnte dem Holz die Feuchtigkeit entzogen werden.
BildMit dem unhandlichen Henschel überstanden die Kreims die schrecklichen Kriegsjahre. Vater Kreim und sein Mitarbeiter Peter Arras hielten den normalen Geschäftsbetrieb aufrecht. Gefahren wurden Futter- und Lebensmittel von den Mühlen und Lagerhäusern in Frankfurt, Mannheim, Hanau und Worms zu den Händlern und Genossenschaften im Odenwald. Im Herbst wurde das Getreide von den Landwirten zu den Mühlen gefahren. Fahrer und Beifahrer mussten in der Regel ihr Fahrzeug selbst be- und entladen. Hilfskräfte wie Frauen oder Kriegsgefangene standen in den wenigsten Fällen zur Verfügung. Mit dem Henschel konnte maximal 50 km/h schnell gefahren werden, wenn die zum Teil nicht asphaltierten und mit Schlaglöchern übersäten Straßen diese Geschwindigkeit überhaupt zuließen. Im Sommer musste Grubenholz vom Wald zum Bahnhof Mümling-Crumbach gefahren werden. Die Stämme mit Längen von 1,50 bis 2,20 Meter wurden als Abstützungen im Kohlebergbau benötigt und waren daher kriegswichtig, mussten also befördert werden. 
BildKurz vor Ende des Krieges wurde der Henschel dann aber doch noch requiriert. August Kreim wurde verpflichtet, mit dem LKW nach Bayern zu fahren, um dort Transporte durchzuführen, die noch wichtiger waren als die in der Heimat. Kreim geriet in Niederbayern in Gefangenschaft und verlor seinen LKW aus den Augen. Ludwig August Kreim erinnert sich noch gut daran, wie der Vater dann eines Tages wieder vor der Tür stand. Er war abgemagert, hatte wunde Füße, war sonst aber gesund. Er war mit dem Henschel, der mit Offiziersutensilien beladen war, bis nach Freising gekommen. Dort ging ihm das Holz aus und die Amerikaner holten ihn ein. Der LKW wurde beschlagnahmt. Er wurde kurze Zeit später entlassen. Mit einigen Leidensgenossen machte er sich auf den Weg nach Hause. Eisenbahnen fuhren ebenso wenig wie deutsche Autos. Da blieben nur die eigenen Füße für den Weg in die Heimat. Hin und wieder konnte für kurze Strecken ein Fuhrwerk benutzt werden. Mehr als drei Wochen dauerte der Heimweg. Drei Tage nach seiner Ankunft in Brensbach stand der alte Henschel auch wieder vor der Tür. Familie Kreim saß beim Mittagessen, als ein junger Mann in Uniform ins Haus kam. Er fragte nach August Kreim und berichtete, dass er und einige Kameraden den LKW unterwegs gefunden hatten. Die jungen Männer waren ehemalige Jagdfliegerpiloten, einst in Freising stationiert und nun von den Amerikanern entlassen. Einer von ihnen stammte aus Frankfurt. Als er den mit der Brensbacher Beschriftung versehenen Henschel sah, kam ihm der Gedanke, mit dem Wagen in die Heimat zu fahren. Doch er bekam den Holzvergaser nicht in den Griff. Sein Freund Bert verstand sich mehr auf solche Fahrzeuge. Er setzte den Henschel wieder in Gang und die Fahrt ging Richtung Norden, d.h. in die Heimat. So kam der gar nicht so beliebte Henschel wieder zu den Keims zurück und konnte für den Neustart nach dem Krieg eingesetzt werden.
BildLudwig August Kreim wuchs mit dem LKW auf. Da war es naheliegend, dass er in die Fußstapfen des Vaters treten wollte. Im Alter von 17 Jahren machte er im Frühjahr 1950 seine Fahrausbildung und erhielt den begehrten Schein zum Führen von LKW. Zuvor hatte er bei einem Bosch-Händler seine Ausbildung zum Autoelektriker absolviert. Die Lehrzeit musste er 1948 krankheitsbedingt ein Jahr lang unterbrechen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, mit dem Vater im GMC-Dreiachser nachts nach Neuwied zu fahren, um dort Hohlblocksteine zu laden, die für den Wiederaufbau im Odenwald benötigt wurden. Obwohl er zu der Zeit noch keinen Führerschein besaß, fuhr er den leeren Lastzug in der Nacht nach Neuwied. Den beladenen LKW steuerte der Vater am nächsten Tag wieder in die Heimat. Solche Touren wurden mehrmals in der Woche gefahren. Polizeikontrollen wie sie heute üblich sind, gab es damals kaum. Neben dem GMC mit Henschel-Einbau-Dieselmotor war nach wie vor auch noch der alte Henschel 40 S 1 im Einsatz. Mittlerweile wieder auf reinen Dieselbetrieb umgerüstet, blieb er noch einige Jahre im Fuhrpark. Nach der Gesellenprüfung hatte Ludwig August Kreim keine Lust mehr, fremde Autos zu reparieren. Er wollte zurück in den Betrieb des Vaters und im Fernverkehr fahren.
   
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Als erster neuer LKW nach dem Krieg wurde im gleichen Jahr ein MAN MK beschafft, der den alten Henschel ersetzte. Ludwig August Kreim erinnert sich noch daran, dass das Fahrgestell bei Kässbohrer in Ulm einen Pritschenaufbau erhielt und mit einem Zweiachsanhänger kombiniert wurde. Bei der Abholung des Lastzugs in Ulm waren er und seine Schwester natürlich dabei. Um die Wartezeit bis zur Übergabe zu überbrücken, gingen sie dort in die Kantine. Dort trafen sie Karl Kässbohrer persönlich, der seine Kunden dann auch prompt zum Essen einlud. Mit dem MAN waren die Kreims nun auch in der Nachkriegszeit wieder fernverkehrstauglich. Zusammen mit dem Nassauischen Onkel oder Grünewalds Peter fuhr Ludwig August fortan in Richtung Hamburg oder München. Als dann der GMC noch gegen einen Krupp Mustang Kipper mit Kässbohrer Luft-Kippanhänger eingetauscht wurde, hatte er sein festes Fahrzeug, mit dem er fortan unterwegs war. Als drittes Fernverkehrsfahrzeug war mittlerweile ein gebrauchter Büssing 8000 mit 150 PS-Motor beschafft worden. Alle Lastzüge waren gut ausgelastet. Zwei von ihnen waren mit Fernverkehrskonzessionen unterwegs, der dritte im Nahbereich. Der MAN fuhr in festem Vertrag für die Veith-Werke und der Kipperzug war regelmäßig mit Kohlen-Fahrten aus dem Ruhrgebiet oder im Baustellenbetrieb beschäftigt. Doch dann gab es unerwartete Reparaturen an dem anfälligen Krupp Zweitakt-Motor, die dem kleinen Fuhrbetrieb finanziell zu schaffen machten. Vater Kreim war wohl auch nicht der cleverste Geschäftsmann. Er saß lieber hinter dem Steuer als am Schreibtisch. Die finanzielle Lage wurde immer schlechter und schließlich musste August Kreim 1956 Konkurs anmelden. Ludwig August Kreim versuchte anschließend noch, sich mit einem eigenen 4,5 to LKW samt Anhänger selbständig zu machen, doch ein längerer Krankenhausaufenthalt ließ das Projekt scheitern. Schließlich war er froh, den Lastzug ohne Verlust weiterverkaufen zu können. Auf Umwegen kam er danach wieder zu einer Angestelltentätigkeit, die mit Autos zu tun hatte. Bei der Post in Darmstadt war er sechs Jahre lang in der Autoreparaturwerkstatt beschäftigt, die den großen eigenen Fuhrpark unterhielt. 1964 wechselte er zur Firma Carl Schenk Elektrogerätebau und erreichte dort das Rentenalter. Die Erlebnissie mit den Lastern des Vaters haben in geprägt und sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Uns lässt er an seinen Erinnerungen teilhaben.

Fotos:    Archiv Ludwig August Kreim
Text:    Manfred Koch nach Aufzeichnungen und Erzählungen von Ludwig August Kreim