Kaelble auf Abwegen

BildMitte der 1980er Jahre waren die Tage des Straßenrollerverkehrs bei der Ruhr-Lippe-Eisenbahn gezählt. Aus dem Grund nahm ich jede Gelegenheit war, die zuletzt noch eingesetzte Kaelble K 632 Z im Einsatz zu beobachten und zu fotografieren. Am 11. Februar 1985 hatte ich im Röhrtal zu tun, dem Haupteinsatzgebiet der RLE-Kaelble. Ich freute mich, die Zugmaschine mit einem Culemeyer-Straßenroller aus der Einfahrt des Röhrenwerks Carl Froh in Sundern-Hachen fahren zu sehen. Am Steuer saß Heinz Keinert, den ich von früheren Begegnungen her kannte und der immer bereitwillig Auskünfte gab. Von ihm erfuhr ich damals auch, dass die RLE im Röhrtal noch regelspurigen Güterverkehr betrieb. Die topographischen Verhältnisse des Tales hatten es jedoch nicht zugelassen, daß jeder größere Industriebetrieb einen eigenen Gleisanschluss erhielt. Aus diesem Grund begann die RLE schon sehr früh, den Kunden ihre Waggons mit Hilfe von Culemeyer-Straßenrollern zuzustellen und auch wieder abzuholen. 

BildDie Firma Froh war einer der RLE-Großkunden. Die dort produzierten Stahlrohre wurden auf dem Betriebsgelände in Eisenbahnwaggons verladen und mittels Straßenroller zum einige Kilometer entfernt gelegenen Hachener Bahnhof transportiert. Dieser Routinevorgang hatte für Heinz Keinert auch an diesem 11. Februar 1985 in gewohnter Weise begonnen. Nachdem der Culemeyer beladen war, setzte sich die 1971 gebaute Kaelble-Zugmaschine des Typs K 632 Z mit ihrer imposanten Fuhre zum kurzen Weg in Richtung Bahnhof in Bewegung. Für die Hachener war die langsam fahrende Kaelble/Culemeyer-Kombination ein gewohntes Bild. Mit eingeschalteter Rundumkennleuchte und eingesteckten Warnflaggen näherte sich das Gespann der leichten Steigung zum Bahnhofsgelände. In den Tagen zuvor hatte es im Sauerland geschneit. Zwar war ein Großteil der Straßen bereits geräumt worden, die Bahnhofszufahrt war dabei jedoch offensichtlich übersehen worden. Heinz Keinert erkannte die Situation zwar sofort und holte mit dem Gespann besonders weit aus, um genügend Schwung in der Steigung zu haben. Dennoch brachte die schwere Kaelble ihre 280 PS nicht mehr auf den Boden. Den drehenden Antriebsrädern zum Trotz rutschte der Koloss unkontrolliert rückwärts auf ein nahes Wohnhaus zu. Achtundzwanzig Tonnen Stahlrohe zogen ihn unbarmherzig nach unten. Erst die schnelle Reaktion des Beifahrers, der auf Zuruf Keinerts hinaussprang und einen Unterlegkeil vor die Hinterräder der Zugmaschine warf, brachte das schwere Gespann zum Stillstand.
BildZwar gelang es dem Fahrpersonal in den folgenden Stunden, das Eis abzutauen. An eine Fortsetzung der Fahrt aus eigener Kraft war jedoch nicht zu denken. Per Funk wurde Hilfe aus Sundern angefordert. Von dort nahte eine weitere Kaelble-Zugmaschine, die den Havaristen mit Hilfe einer Seilwinde aus der prekären Situation befreien sollte. Bei dieser auf den ersten Blick recht modern anmutenden Zugmaschine handelte es sich um eine bereits 1952 entstandene Kaelble K 631 Z, deren morsches Fahrerhaus durch Magirus-Bauteile verschiedener Baujahre ersetzt worden war. Mit dem Kaelble-Doppelpack vor dem Culemeyer waren die wenigen Meter bis zum Bahnhof dann kein Problem mehr.
BildÄhnlich spannende Momente gab es für Heinz Keinert in seiner Laufbahn als Fahrer bei der RLE häufiger. Er erinnerte sich an Situationen aus der Zeit, als er noch mit der nur 150 PS starken K 631 Z unterwegs war, der Vorgängerin der beiden Akteure vom Hachener Bahnhof. Diese Zugmaschine wurde häufig an der oberen Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bewegt und benötigte hin und wieder den Vorspann eines zweiten Fahrzeugs und das nicht nur bei eisglatter Straße!
BildWesentlich entspannter waren da schon Sonderfahrten mit der Kaelble-Zugmaschine wie die am 16.06.1985 in Plettenberg. Die Feuerwehr der Stadt Plettenberg feierte ihr 100jähriges Jubiläum. Die damals in Plettenberg ansässige Märkische Museumseisenbahn wollte am Festumzug teilnehmen, der durch die Innenstadt führte. Da für den vereinseigenen Culemeyer keine geeignete eigene Zugmaschine zur Verfügung stand, wurde kurzerhand die RLE-Maschine angemietet. Heinz Keinert und Beifahrer erschienen mit der Kaelble in Plettenberg–Eiringhausen und übernahmen auf dem Gelände der ehemaligen Schraubenfabrik Graeka den Culemeyer, der mit einer meterspurigen O&K Diesellok beladen war, die einst bei der Hohenlimburger Kleinbahn (HKB) eingesetzt worden war und die von den Museumseisenbahnern restauriert worden war. Beim Umzug durch die Stadt war das imposante Gespann einer der Höhepunkte.
BildDie Einsätze der zuletzt häufig fotografierten Ruhr-Lippe-Kaelble liegen inzwischen schon viele Jahre zurück. Auch der Verkehr mit Straßenrollern ist nur noch als Episode in der Geschichte des bundesdeutschen Gütertransports in Erinnerung geblieben. Die drei erwähnten Zugmaschinen der RLE sind glücklicherweise alle in Sammlerhände geraten.

Text: Manfred Koch
Fotos: Manfred Koch, Archiv Zeitung Plettenberg, Gerolf Gersdorf Menden