Dem Löwen treu - die Geschichte der Spedition Tenholte

BildVor fast 120 Jahren begann in Billerbeck die wechselvolle Geschichte der Spedition Tenholte. 1896 legte sich Heinrich Tenholte als 28jähriger Pferd und Wagen zu und verdiente fortan sein tägliches Brot als Botenfuhrmann. Dazu pendelte er zwischen Münster und Billerbeck und versorgte die Kaufleute mit Waren, die in Billerbeck nicht zu bekommen waren. Auch „schwarzes Gold“ fand über Tenholte vom Ruhrgebiet ins Münsterland. Da die Bahnverbindungen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch sehr lückenhaft waren, wurden seine Dienste gerne in Anspruch genommen. Das änderte sich schlagartig mit der Eröffnung der Bahnlinie Münster – Coesfeld. Der Botenfuhrmann Heinrich Tenholte war plötzlich überflüssig geworden. Der drohenden Arbeitslosigkeit begegnete er, indem er im Jahre 1910 die bahnamtliche Rollfuhr für Billerbeck übernahm.
BildBis 1913 war der Fuhrbetrieb an der Ludgeristraße ansässig. Dann entstand am Richtengraben eine neue Unterkunft mit angeschlossenem Wohnhaus, die auch heute noch der Speditionssitz ist. 1927 kam der erste motorbetriebene Lastkraftwagen zum Unternehmen, ein Stoewer Dreitonner. Dessen Höchstgeschwindigkeit von 13 km/h stellte Heinrich Tenholte alles andere als zufrieden. Kurzentschlossen ließ er sich von einer Gießerei in Lüdinghausen neue Zahnräder fertigen, mit deren Hilfe der „frisierte“ Stoewer atemberaubende 16 km/h erreicht haben soll. Zunächst war Tenholte mit diesem Fahrzeug im Auftrag von Futtermittelhändlern, Webereien und Ziegeleien in der näheren Umgebung Billerbecks unterwegs. Doch schon kurze Zeit später erwies sich der Stoewer als zu klein. 1928 wurde er gegen einen Lanz Bulldog mit zwei Anhängern eingetauscht. 1931 begann dann auch bei Tenholtes die Neuzeit: Der erste Büssing-Lastkraftwagen rollte auf den Hof und wurde fortan im Fernverkehr eingesetzt. 1936 stieg die zweite Generation in den Betrieb ein. Sohn Heinrich II. übernahm das Fuhrgeschäft seines Vaters und führte es in dessen Sinn weiter. Aber auch der Betrieb der Tenholtes kam unter der Regentschaft von „Adi dem Siegreichen“ nicht ungeschoren davon. Der Fernverkehrs-Büssing wurde bei Kriegsbeginn requiriert. Heinrich Tenholte kaufte daraufhin einen gebrauchten LKW, der aber schon bald darauf samt Besitzer ebenfalls zum Wehrdienst eingezogen wurde.
BildNach Kriegsende ging es auch in Billerbeck nur ganz langsam wieder los. Mit völlig verschlissenen ehemaligen Wehrmachtsfahrzeugen startete Tenholte in den Neubeginn. Erst zum Jahreswechsel 1948/49 konnte wieder ein fabrikneuer Büssing  angeschafft werden. Der neue 105er war noch mit der sparsamen Nachkriegsfront ohne schmückende Chromspinne ausgerüstet. Doch das störte in dieser Zeit niemanden. Während die Fahrzeuge vor dem Krieg in den Farben  des RKB in grau mit Rautenband lackiert sein mussten, wählte Tenholte nun in enger Zusammenarbeit mit einem Lackierer aus der Nachbarschaft wesentlich markantere Farben aus. Bis heute hat sich die gelungene Kombination aus dunkelblauen Aufbauten, rotem Fahrgestell und elfenbeinfarbenen Stoßstangen an den Tenholte–Fahrzeugen halten können.
BildZu Beginn der 1950er Jahre entstand am Richtengraben ein weiteres Gebäude mit Werkstatt und Fahrerhalle. Auch der Fuhrpark konnte Zuwachs vermelden. Ein 120er Büssing, wieder in vollem Chrom-Ornat, entlastete jetzt den 105er auf den Fernverkehrsrouten. Auch die bahnamtliche Rollfuhr oblag nach wie vor der Firma Tenholte. Noch bis 1957 wurden die Bahnkunden mit einem Pferdefuhrwerk bedient! Heinrich III., der nächste Inhaber der Spedition erinnert sich noch gut an verschiedene Kindheitserlebnisse mit dem Gespann. So durfte er hin und wieder die Zügel des Fuhrwerks halten und das Pferd vom Richtengraben zum Bahnhof „führen“. Was er damals nicht wusste, lässt ihn heute schmunzeln. Das erfahrene Pferd hätte den Weg zum Bahnhof auch ohne ihn gefunden. Die Zeit des Hafermotors war dann aber unwiderruflich abgelaufen. Ein früher Hanomag L 28, noch mit Selbstmördertüren und vorderen Ausstellfenstern, nahm 1957 den Platz des letzten Gauls ein. Mit seinem 50 PS-Dieselmotor und der kurzen Übersetzung war der kleine Hanomag allerdings nicht der Schnellste. Doch die Tenholtes waren ja schon immer besonders clever gewesen, wenn es um das „Frisieren“ ging. Wie schon zu Zeiten des seligen Stoewer fand die länger übersetzte Hinterachse eines verunfallten Hanomag 2,5-Tonners im Tenholte-Auto Verwendung. Der zog zwar im vierten Gang fortan keinen Hering mehr vom Teller, war in den unteren Fahrstufen dafür nun aber umso schneller. Die Nachfolge des L 28 traten nacheinander ein Tempo Wiking, ein Tempo Matador und zwei von Büssing in Lizenz vertriebene OM-Kleinlastwagen an. Zwei weitere Hanomag, Frontlenker des Typs Markant, standen ab 1960 für den neu aufgezogenen Brennstoffhandel der Firma Tenholte im Einsatz.
BildIm Fernverkehr wurden bis zur Produktionseinstellung bei Büssing Laster aus Braunschweig eingesetzt. Die beiden vorhandenen Haubenfahrzeuge wurden 1953 durch einen Büssing 7500 S mit 150 PS ergänzt. Mit einem dreiachsigen Schmitz-Anhänger im Schlepp beförderte der 150er damals alles, was irgendwie auf den Lastzug zu verladen war. Rückblickend kann sich Heinrich Tenholte sogar daran erinnern, dass lose verladene Kohle mit den normalen Pritschenfahrzeugen gefahren wurde. Führte so eine Kohlentour seinerzeit nach Koblenz, so standen als Rückfracht  nicht selten Rinder an der Rampe. Dazu musste der Lastzug gründlich abgespritzt und die Ladeböden mit Sägespänen abgestreut werden, bevor die wertvolle Fracht an Bord durfte. Quer zur Fahrtrichtung postiert und mit Ringen an den Bracken festgebunden, gab es für die Wiederkäuer sicher Angenehmeres. Am nächsten Tag wurden dann mit dem gleichen Fahrzeug wieder Briketts oder Mehl gefahren.
BildIn den ausgehenden fünfziger Jahren  ging auch bei Tenholte die Ära der Haubenwagen ihrem Ende entgegen. Bald rollte der erste „Stumpfschnauzer“, ein Büssing LU 11 mit 170 PS leistendem Unterflurmotor auf den Hof in Billerbeck. Ein Herr namens Seebohm, seines Zeichens Bundesverkehrsminister, war an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Nach dessen Neuregelungen hätte hinter dem Büssing lediglich noch ein Anhänger mit 16 to Gesamtgewicht mitgeführt werden dürfen. Doch nicht mit Heinrich Tenholte! Den Spielraum des Gesetzes mehr als voll ausschöpfend erwarb er einen fabrikneuen Dreiachsanhänger von Schwarzmüller, der es auf 18 to Gesamtgewicht brachte. Da aber nur vorhandene, sprich gebrauchte Anhänger mit mehr als 16 to noch eine Zeit lang eingesetzt werden durften, erhielt der Dreiachser eine Tageszulassung in Österreich. Anschließend wurde er als Gebrauchtfahrzeug nach Billerbeck verkauft. 
BildDie Unterflur-Büssing prägten in den nächsten fünfzehn Jahren das Bild des Tenholte-Fuhrparks. Dem ersten LU 11 folgten zwei weitere, die aber bereits über 192 PS-Motoren verfügten. Danach folgte ein Commodore mit 210 PS, bevor verschiedene BS 16-Typen die Büssing-Ära nicht nur bei Tenholte beendeten. Die meisten dieser BS 16 verfügten über das komfortable Büssing & Sohn-Fahrerhaus, darunter auch eins der ersten Exemplare mit dem brandneuen 310 PS-Turbomotor. Die Freude an dem neuen Fahrzeug hielt sich jedoch in Grenzen, denn bereits nach 300.000 Kilometern quittierte der erste Motor seinen Dienst und auch sein Nachfolger glänzte in erster Linie durch hohen Ölverbrauch. Doch die Spezialisten bei Kiffe in Münster, dem Haus- und Hoflieferanten der Tenholtes, bekamen auch diese Problem in den Griff. Der BS 16 läuft jedenfalls heute störungsfrei in Sammlerhand. Im Mai 1969 übernahm der nächste Heinrich Tenholte den Betrieb aus den Händen seines Vaters. Mit der Privatisierung der Bundesbahn im Jahr 1995 endete bei Tenholte die lange Tradition als Bahnspediteur. Das Billerbecker Unternehmen hat sich seither auf Gefahrguttransporte spezialisiert. Für die Westfalen AG in Münster werden Gastransporte durchgeführt, die einen Großteil des Tagesgeschäftes ausmachen. Insgesamt sieben Fahrzeuge sind heute für Tenholte im Einsatz – in bester Büssing-Tradition natürlich alle aus dem Haus MAN (Stand 1998).

Text:     Manfred Koch
Fotos:   Archiv Tenholte, Manfred Koch