Borgward-Banking

BildÄltere Menschen werden sich im heutigen Zeitalter von Geldautomaten und Online-Banking noch schwach erinnern, dass in früheren Zeiten Bankgeschäfte an den Schaltern der Sparkassen und Banken erledigt wurden. Mit der Ausdehnung der Wohnbebauung in die Fläche in den 1950er Jahren gab es besonders in den Randbereichen der Städte einen Mangel an Sparkassenfilialen. Um diesem Missstand abzuhelfen, beschafften viele Geldinstitute so genannte Sparkassenbusse. Dabei handelte es sich um mehr oder weniger große fahrbare Geschäftsstellen, in denen die Bürger fast alle Bankgeschäfte erledigen konnten. Die Busse fuhren nach präzisen Fahrplänen feste Haltestellen an.
BildAuch die Sparkasse in Bremen sah im Jahr 1957 die Notwendigkeit, Kunden in den neu entstandenen Wohngebieten mit einem solchen Service zu gewinnen bzw. zufrieden zu stellen. In dem Jahr wurde ein Sparkassenbus in Auftrag gegeben. Für die Bremer Bankiers war es selbstverständlich, dass das Fahrzeug auf ein in Bremen-Sebaldsbrück gefertigtes Borgward-Fahrgestell gebaut wurde. Der Aufbau entstand bei der Firma Thiele, die natürlich auch in Bremen ansässig war. Bei dem Fahrgestell handelte es sich um einen Borgward BO 4500 F mit 95 PS Dieselmotor und langem Bus-Radstand. Darauf setzten die Bremer Karosseriebauer einen Frontlenker-Aufbau. Nach der Indienststellung wurde die rollende Sparkassenfiliale bis 1972 hauptsächlich im Stadtteil Vahr eingesetzt. Dort wurden regelmäßig acht Haltestellen angefahren. „Das Geld kommt“ riefen damals die Kinder, wenn der Borgward um die Ecke kam. Tatsächlich konnten die Kunden Geld abheben beim Mitarbeiter der Sparkasse, denn unter seinem Tresen befand sich ein Tresor, in dem entsprechende Barmitteln aufbewahrt wurden. Neben dem nicht geschützten Schalter gab es einen Tisch mit Sitzgelegenheit, auf dem die Kunden ihre Formulare und Vordrucke ausfüllen konnten. Eine Dreiersitzgruppe rundete das Ensemble ab. Im hinteren Bereich neben der Eingangstür befand sich natürlich hinter einer Schiebetür ein Waschbecken. Dort konnte der Bankangestellte nach dem Geldzählen seine Hände waschen. Die mobile Schalterhalle ist trotz der völlig unzureichend gesicherten Barbestände anscheinend nie überfallen worden. Ein derartiges Ereignis ist jedenfalls nicht überliefert.
BildNach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst gelangte das Gefährt zu einem Hamburger Schrotthändler, der es rund 18 Jahre lang als Büro nutzte. Dort fand Werner Debbrecht aus Georgsmarienhütte das Gefährt. Oldtimerverrückt mit Schwerpunkt Borgward war es für ihn selbstverständlich, dass das Unikat gerettet werden musste. Er holte den Borgward nach Hause und dachte zunächst an eine Restaurierung. Doch die Jahre vergingen, ohne dass Hand an das Fahrzeug angelegt werden konnte. Als der Bremer Borgward-Club und die Bremer Sparkasse anfragten, ob das Fahrzeug abzugeben sei und in Bremen restauriert werden könne, gab er schweren Herzens nach und trennte sich von seiner Rarität. Die Aussicht auf eine vollständige und erstklassige Restaurierung half ihm bei seiner Entscheidung.
BildIm Februar 2008 wurden die Reste des einst stolzen Borgward von Georgsmarienhütte nach Bremen-Mahndorf zur Firma Pollmann Service-Center für Karosserie & Spezialaufbauten transportiert. Dort nahmen sich die Karosseriebauspezialisten des Kandidaten an. Rund 16 Monate lang arbeiteten zwei bis drei Mitarbeiter des Unternehmens an dem Sparkassenmobil. Die unverwüstliche Technik des Borgward wurde überprüft und z. T. instand gesetzt. Den Großteil der angefallenen Arbeiten machten Blecharbeiten aus. Sämtliche Klappen, Türen und die Stoßstangen mussten neu angefertigt werden, da sie vom Rost zerfressen und zerstört waren. Die Inneneinrichtung mit Einbauschränken und Sitzgelegenheiten für die Kunden wurde komplett neu angefertigt. Die Spezialisten um Pollmann-Inhaber und Geschäftsführer Robert Räther konnten dabei auf keinerlei Zeichnungsunterlagen zurück greifen. Viele Teile mussten nach Vorlagen neu angefertigt oder beschafft werden. Glücklicherweise waren selbst über die Jahre auf dem Schrottplatz alle mit Gravuren versehenen Scheiben erhalten geblieben. Der alte Tresor fand wieder Platz unter dem Tresen. Das Fünfziger Jahre Waschbecken lädt wieder ein zum Händewaschen. Nach erfolgter Restaurierung kann der Fahrer nun wieder hinter dem Lenkrad Platz nehmen. Mit dem Beifahrer kann er keinen direkten Ärger bekommen. Zwischen ihnen thront der Motor. Nach ausreichendem Vorglühen wird der Borgward-Dieselmotor gestartet. Beim Fahren des recht langen Gefährts muss der Fahrer wie vor mehr als 50 Jahren beachten, dass der Wendekreis des Borgward extrem groß ist. Dass es keine Lenkhilfe und natürlich ein nicht synchronisiertes Getriebe gab, war 1957 selbstverständlich.  
BildAm 18. September 2009 war es dann endlich soweit. Im Rahmen des traditionellen Familientags der Sparkasse Bremen auf der Galopprennbahn in der Vahr wurde die ehemalige Zweigstelle 49 frisch restauriert der Öffentlichkeit präsentiert und der Schlüssel an Klaus Schöniger, Vorstand der Sparkasse Bremen, übergeben. Die Sparkasse wird das Fahrzeug in Zukunft bei verschiedenen Veranstaltungen in Bremen einsetzen.

Text und aktuelle Fotos: Sparkasse Bremen und Manfred Koch
Fotos vor der Restaurierung: Werner Debbrecht bzw. Archiv Thiele