Alle Jahre wieder...

BildAlle Jahre wieder gegen Ende April erwachen die Liebhaber von historischen Nutzfahrzeugen in Deutschland aus ihrem Winterschlaf. Wie die Lemminge zieht es sie instinktiv an einen bestimmten Platz. Wandern die Wühlmäuse ans Meer, so machen sich die Fahrer von Krupp, Büssing, Henschel usw. auf den Weg Richtung Schwarzwald. Am letzten Freitag des Monats April sieht man sie dann auf den Autobahnen und Landstraßen Richtung Süden fahren. Ihr Ziel ist ein Holzlagerplatz in der Nähe des Schwarzwalddorfes Schlechtbach. Niemand weiß, warum sich die Fahrer mit ihren restaurierten oder mit viel Enthusiasmus am Leben erhaltenen Fahrzeugen hier treffen. Tatsache ist jedoch, dass auch in diesem Jahr wieder mehr als siebzig alte Fahrzeuge aus allen Richtungen den Weg hierher finden.
BildDie ersten Oldtimer treffen am Freitag im Laufe des Tages ein. Die mit der kürzeren Anreise kommen am Samstag Vormittag an, um dann wie auf Kommando um Punkt 10.00 Uhr den Platz zu verlassen und sich auf eine Rundreise durch den Schwarzwald zu begeben. Geheime Tourenvorschläge, die wie von Geisterhand verteilt vor der Abfahrt auftauchen, werden herumgereicht und diskutiert. Die Kolonne setzt sich in Marsch. Vom Holzlagerplatz geht es in diesem Jahr durch den Ort Gersbach bergab in Richtung Todtmoos-Au, um dann auf engen, kurvigen Straßen berauf und bergab einfach Spass an der Ausfahrt zu haben. Bei sehr schönem Frühlingswetter macht es den Fahrern und den Beifahrern sichtlich Freude, Ihren Schmuckstücken Auslauf zu verschaffen.
BildZur Mittagszeit befindet sich die Kolonne wie zufällig in der Nähe einer Brauerei. Dort wird es sicherlich auch etwas auf den Teller geben. Die ersten Teilnehmer riskieren einen gewaltigen Bergaufstieg. Die Schilder an der Strasse sprechen von 16 %, erfahrene Kapitäne der Landstrasse bestätigen nachher, dass die Steigung 18 % beträgt. Auf dem Gipfel angekommen tut sich bald ein großer Parkplatz auf, der zur Brauerei Waldhaus gehört. Wie abgesprochen ergibt es sich, dass die Küche der Brauerei auf die Ankunft einer größeren Gruppe vorbereitet ist und ein deftiges Mittagessen und passende Getränke anbietet. Dies ist eine willkommene Pause für die hungrigen und durstigen Oldtimerfahrer. Die angebotene Brauereibesichtigung
BildAuf dem Brauerei-Parkplatz gibt es Gelegenheit, die angereisten Fahrzeuge näher unter die Lupe zu nehmen. Das Teilnehmerfeld ist auch in diesem Jahr wieder bunt gemischt. Es ist jedoch ein Trend zum Frontlenker festzustellen. Waren in den ersten Jahren des Treffens die Haubenfahrzeuge klar in der Mehrzahl, so laufen in diesem Jahr die Frontlenker von Mercedes, Scania, Büssing, Henschel und Krupp den Haubern klar den Rang ab. Besonders zahlreich vertreten sind in diesem Jahr die mit V 8-Motoren ausgerüsteten Frontlenker von Scania. Helmut Radlmeier, in jedem Jahr für eine Überraschung gut, bringt gleich drei solcher Boliden mit nach Schlechtbach. Neben einer LB 141 Sattelzugmaschine, die nach einem skandinavischen Vorbild mehrfarbig lackiert ist kommt er mit einer LB 140 Super Sattelzugmaschine, die ebenfalls in mehreren Farben lackiert ist. Seinen bereits aus dem letzten Jahr bekannten Scania LB 140 Super in den Farben der Spedition Sion hat er von Rechts- auf Linkslenker umgebaut und komplett restauriert. Dabei hat er nicht vergessen, den größten Teil des Schalldämpfers aus der Auspuffanlage zu entfernen. Der Sound des vorbeifahrenden Scania erinnert verblüffend an den eines Panzers. Das Highlight für die Scania-Fangemeinde ist jedoch ein LBFS 141 aus der nahen Schweiz. Diese ursprünglich als Dreiachser in die Schweiz gelieferte Schwerlastzugmaschine der Firma Baumann aus Lenzburg wurde zum Vierachser umgebaut. Außerdem wurde ein Automatikgetriebe eingebaut. Ausgerüstet mit Trilex-Rädern und mit einem dreiachsigen zwillingsbereiften Nachläufer der Firma Schwarzmüller kombiniert ist der mittlerweile recht betagte Schwede ein imposantes Gespann, das bei Baumann immer noch eingesetzt, jedoch meistens vom Chef persönlich chauffiert wird.
BildNach ausreichender Rast setzen sich die Fahrzeuge dann wieder in Bewegung. Im Gegensatz zur Fahrt am Vormittag wird jetzt nicht mehr in einer langen Kolonne gefahren. Einzelne Fahrer scheinen sich auszukennen und nehmen den direkten Weg wieder nach Schlechtbach zum Holzlagerplatz. Andere haben Routen abgesprochen, die es ihnen erlauben, die schöne Landschaft mit blühenden Bäumen noch länger zu genießen. Nach und nach trudeln die Fahrzeuge dann wieder auf dem Platz ein. Der Rest des Nachmittags wird damit verbracht, mit Freunden und Hobbykollegen zu fachsimpeln, die Fahrzeuge immer wieder einmal auf dem nahegelegenen Parkplatz in Gersbach für Fotos aufzufahren. Da stehen dann einmal alle am Treffen vertretenen Scania Frontlenker zum Gruppenfoto bereit. Mal sind sie nach Typen sortiert, dann wieder nach Baujahren. Wie kleine Kinder, die im Sandkasten oder auf der Küchentisch ihre Modelle aufreihen, setzen die Fahrer ihre Wagen in Position, um sie immer wieder aus möglichst vielen
Richtungen und Blickwinkeln zu fotografieren. Sobald es draußen zu dunkel ist für weitere Fotos etc. zieht es die Fahrer traditionell in die nahegelegene Gaststätte. Dort ist die Wirtin auf den großen jährlich wiederkehrenden Ansturm vorbereitet und bietet warmes Essen und kalte Getränke an. Bis weit in die Nacht hinein wird weiter über das gemeinsame Hobby geredet, werden Pläne für das nächste Jahr geschmiedet und auch mancher Scherz gemacht. Die Zeit wird intensiv genutzt, denn viele Teilnehmer sehen sich nur wenige Male im Jahr.
BildAm nächsten Morgen finden sich die Fahrer und Beifahrer, die zumeist in den Gasthöfen und Pensionen der umliegenden Dörfer geschlafen haben, nacheinander auf dem Platz ein. Einige Teilnehmer brauchen heute etwas länger als normal. Der Abend war doch anstrengender als geplant. Nach und nach verabschieden sich jetzt schon die ersten Fahrer mit Ihren Fahrzeugen.
Die Rückfahrt ist sonst am Sonntag nicht zu schaffen. Es wird vereinbart, im nächsten Jahr wieder nach Schlechtbach zu kommen, um dort erneut den Saisonauftakt zu begehen. Jeder ist jetzt schon gespannt, welche Fahrzeuge dann neu in der Szene gezeigt werden. Zu dem zwanglosen Treffen, das in diesem Jahr bereits zum 12. mal stattfindet, wird nicht eingeladen. Es kommen einfach alle, die Lust haben. Jedes Jahr kommt daher natürlich ein mittlerweile harter Kern von Oldtimerbesitzern. Abgerundet wird diese illustre Gesellschaft immer von einigen Überraschungsgästen. Diese Mischung macht den Reiz der überschaubaren Veranstaltung aus, die in einem sehr familiären Rahmen stattfindet und für die Teilnehmer und die wenigen angereisten Besucher einfach interessanter ist als die Mammutveranstaltungen, bei denen es den Organisatoren in der Hauptsache darauf ankommt, möglichst viele Teilnehmer und Besucher zu zählen, um dann vor Sponsoren oder der eigenen Gruppe zu glänzen.

Text: Manfred Koch

Fotos: Florian Dasenbrock, Manfred Koch