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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Dicke Berta - Die Geschichte der Spedition Neuhaus in Hamm

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Pferdefuhrwerk mit Bahnmöbelwagen

Im Jahr 1872 gründete Hermann Neuhaus im westfälischen Ahlen ein Transportunternehmen, das sich auch heute noch - mittlerweile in der vierten Generation - in Familienbesitz befindet. Neuhaus hatte erkannt, dass die Industrialisierung und der damit verbundene aufblühende Handel geeignete Transportmöglichkeiten erforderte. Er nutzte die Gelegenheit und begann, mit einem Eselkarren Waren vom Bahnhof zu den Händlern bzw. von den Händlern zu den Kunden zu transportieren. Schon bald konnte er das Eselsgespann gegen ein Pferdegespann austauschen. Das junge, aufstrebende Unternehmen wuchs. 1886 gelang es Hermann, mit der Verwaltung der Deutschen Reichsbahn einen Vertrag als bahnamtliches Rollfuhrunternehmen zu schließen. 1893 übergab Hermann das Geschäft an seinen ältesten Sohn, den 1866 geborenen Anton. Der junge Mann hatte große Pläne mit dem Unternehmen und baute es in den Folgejahren systematisch aus. So gründete er einen neuen Geschäftszweig, eine Hauderei, also ein Pferde-Taxi-Unternehmen. Die Gespanne der Firma Neuhaus führten Hochzeits-, Schützenfest- und Spazierfahrten durch. .


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Hansa-Lloyd Möbelwagengespann

Die wachsende heimische Industrie und die neuen Zechen benötigten immer mehr neue Arbeitskräfte. In allen Gegenden Deutschlands wurden sie angeworben und zogen dann zumeist mit Kind und Kegel zu ihrem neuen Arbeitsort. Dabei musste natürlich auch der Hausrat transportiert werden. Neuhaus sah hier die Chance einer Geschäftserweiterung. Fach- und sachgemäß führte er ab sofort den Transport von Möbeln und Hausrat durch. Im Jahr 1900 wurde dazu der erste eigene Möbelwagen beschafft. Weitere folgten in den nächsten Jahren. Im Nahbereich zogen zwei oder vier Pferde die mächtigen, eisenbereiften Wagen. Im Möbelfernverkehr wurde mit der Deutschen Reichbahn zusammen gearbeitet. Die Möbelwagen wurden in Ahlen oder der näheren Umgebung beladen, mit den Pferden zum Bahnhof gezogen und dort auf Eisenbahnwaggons verladen. Am Zielort wurden sie dann von einem dort ansässigen Kollegen weiterbefördert zur neuen Wohnung des Auftraggebers.


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145 PS waren 1954 für einen Möbelwagen gewaltig - Mercedes-Benz O 6600, Aufbau Staufen mit 6,8 Meter Ladelänge

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs standen bei Neuhaus über dreißig Pferde im Stall. Nach der Unterbrechung durch den Krieg ging es weiter bergauf. Bald waren mehr als zwanzig Möbelwagen im ganzen Land unterwegs. Natürlich musste eine große Anzahl von Wagen vorgehalten werden, da sie oft wochenlang unterwegs waren. Neuhaus war immer bemüht, sein Unternehmen auf mehreren Beinen stehen zu lassen. Für den sich ausweitenden Straßenbau waren mittlerweile auch einige Gespanne ständig im Einsatz. Inzwischen war auch die dritte Generation in das Geschäft hineingewachsen. Die Söhne Anton, der 1897 geboren wurde und der 1901 geborene Heinrich unterstützen den Vater. 1924 eröffnete die Familie in Hamm/Westfalen eine Filiale ihrer Möbeltransportabteilung. Sohn Heinrich übernahm dieses Unternehmen und führte es fortan unter seinem Namen. 1928 begann für die Firma ein neuer großer Abschnitt in der Unternehmensentwicklung. Der erste motorisierte Möbelwagen wurde in Dienst gestellt. Dabei handelte es sich um einen Büssing-NAG mit Kettenantrieb, Vollgummi-Bereifung und Karbidlampen. In Anlehnung an ein großes Geschütz, das im Ersten Weltkrieg eingesetzt worden war, nannte Neuhaus das Fahrzeug „Dicke Berta“.


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Mercedes-Benz LP 322 auf Tour

Das Geschäft florierte. Durch die wachsende Industrie, den Bergbau und nicht zuletzt auch durch die entstehende Wehrmacht gab es reichlich Aufträge für Möbeltransporte. Mittlerweile wurden Städte wie Leipzig, München und Berlin per Achse bedient. Abrupt unterbrochen wurde das Wachstum, ja sogar der Bestand des Unternehmens durch den Zweiten Weltkrieg. Alle Möbelzüge mit den Fahrern wurden zur Wehrmacht eingezogen. 1944 wurde das Wohn- und Bürohaus in der Hammer Friedrichstrasse total zerstört. Bis auf zwei waren alle 36 Bahnmöbelwagen, im ganzen Land verstreut, durch Feuer und Bomben vernichtet. Nach Ende des Krieges stand Heinrich Neuhaus praktisch vor dem Nichts. Er musste neu beginnen.


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Ackermann-Werkfoto des Mercedes-Benz LP 322

Der Möbeltransport begann bescheiden wieder mit einer Zugmaschine und einem Möbelanhänger. 1949 wurde der erste neue Möbelwagen beschafft. In den nächsten Jahren folgten weitere. Das Geschäft blühte wieder auf. Neue Möbel wurden von den Fabriken zu den Händlern gefahren. Viele private Umzüge wurden durchgeführt. 1951 trat die nächste Generation in den Betrieb ein. Heinrich Neuhaus, der Vater des heutigen Inhabers, begann die Lehre im elterlichen Betrieb. In den Folgejahren wuchs das Unternehmen wieder auf die alte Größe. Das zerbombte Wohn- und Geschäftshaus in der Friedrichstrasse wurde wieder aufgebaut. 1959 gründete Heinrich Neuhaus, sen. mit seinem Sohn eine neue Firma, die Heinrich Neuhaus & Sohn OHG. 1962 starb Heinrich Neuhaus, sen. im Alter von 61 Jahren an einer schweren Krankheit. Die Witwe übernahm  seine Geschäftsanteile bis zu ihrem Tod im Jahr 1969. Danach wurde das Geschäft durch Heinrich Neuhaus, jun. und dessen Frau Hedy weitergeführt. 1965 wurde das neue Lagerhaus auf dem Hof der Friedrichstrasse mit 2.000 qm Fläche fertig gestellt. Im gleichen Jahr wird der heutige Inhaber der Firma geboren, der auch wieder Heinrich heißt. 


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Wunderschönes Modell des O 6600 Möbelwagens

1972 feierte die Firma ihr 100jähriges Bestehen. 1983 musste sie umsiedeln. Durch die Sanierung der Hammer Innenstadt musste die Spedition von der Friedrichstrasse zu Grünstrasse umziehen. Dort konnte Neuhaus ein 4.000 qm großes Grundstück erwerben, auf dem eine Halle mit 3.000 qm Nutzfläche entstand. Zwei Jahre später wurde Heinrich Neuhaus durch einen Herzinfarkt aus dem Leben gerissen. Seine Ehefrau Hedy und ihr Sohn Heinrich übernahmen die Geschäfte. Heinrich Neuhaus, jun., der zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters bei der Bundeswehr war, begann eine Lehre bei der Spedition August Peters in Münster. Im Anschluss daran begann er seine Tätigkeit im elterlichen Betrieb, den er später komplett übernahm. Er baute die Firma weiter aus. Der Schwerpunkt des Geschäftes liegt heute beim Möbeltransport. Neuhaus versteht sich als Fachunternehmen für Umzüge im Orts-, Nah- und Fernverkehr. Transportiert werden auch Antiquitäten und Kunstgegenstände sowie Neumöbel. Flügel-, Klavier- und Tresortransporte gehören ebenso wie Luftfracht und Überseeumzüge zu den Möglichkeiten des anerkannten und zertifizierten AMÖ-Fachbetriebs. Außerdem bietet Neuhaus Lagerungen und Verpackungen aller Art, Möbellagerungen in temperierten Räumen, Möbelaufzüge bis 25 Meter sowie die Möbel- und Küchenmontage durch Fachpersonal an.

Text:    Manfred Koch

Fotos:    Archiv Neuhaus, Archiv Sacher 


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Zwischen den Weltkriegen: zwei moderne Möbelzüge der Firma Neuhaus Bahnmöbelwagen von Heinrich Neuhaus, Hamm Hansa Llloyd Europa Möbelwagen mit Packern und zufriedener umgezogener Kundschaft Bahnverladung
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Hansa Lloyd Europa als vollkommen luftbereifter Lastzug für Möbeltransporte auf dem Weg zum Kunden Wurde beinahe von einem Flugzeug gerammt: Mercedes-Benz LP 322/Ackermann auf der Autobahn Neuhaus beschaffte in den Sechziger und Siebziger Jahren grundsätzlich Ackermann-Aufbauten auf Mercedes-Benz-Fahrgestellen Mercedes-Benz LP 322 mit Ackermann Aufbau am 06.04.1966
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Mercedes-Benz LP 1113/Ackermann am 25.03.1968 Auch die Anhänger kamen von Ackermann Peter Sacher baute ein Modell des Mercedes-Benz O 6600 Einer der Ackermann Möbelanhänger hat überlebt - hier am 1. Mai 2005 bei den Hammer Eisenbahn-Freunden
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Als es noch keine Lastenaufzüge gab, mußten die Möbelstücke über Leitern und Balken aus den oberen Stockwerken befördert werden. Gruppenbild mit Dame: Möbelpacker mit zufriedener Kundin NAG Möbelwagen aus den Anfängen der Motorisierung