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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Wie der Vater so die Söhne

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Wilhelm Nessel (rechts) vor einem GMC der Firma Wassermann

Als Wilhelm Nessel am 11. Mai 1922 in Posen in Westpreußen geboren wurde, ahnte noch niemand, welch bewegtes Leben um das Kraftfahrzeug ihm bevorstand. In der Landwirtschaft groß geworden begann er nach der Schulzeit eine Lehre als Kfz-Schlosser, die er jedoch wegen des ausbrechenden Zweiten Weltkriegs nicht beenden konnte. 1941 wurde er eingezogen und fuhr an verschiedenen Fronten dann alles, was Räder und Ketten hatte. Nach drei Verwundungen geriet er kurz vor Kriegsende am 3. Mai in der Nähe von Schwerin doch noch in Gefangenschaft, aus der er aber wegen seiner Kenntnisse in der Landwirtschaft kurze Zeit später schon wieder entlassen wurde.


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Schutträumung in Paderborn: Wilhelm Nessel auf dem Wassermann-Lancia

Bei seiner vorläufigen Entlassung konnte er aussuchen, ob er nach Herford oder nach Paderborn wollte. Da er Paderborn von einem früheren Aufenthalt ein wenig kannte, entschied er sich als Protestant für die erzkatholische Stadt. Nach kurzer Tätigkeit in der Landwirtschaft in Sudhagen bei Delbrück fand er eine Anstellung bei der Bahn im Reparaturwerk an der Wollmarktstrasse in Paderborn. Die Tätigkeit gefiel dem jungen Mann jedoch ganz und gar nicht. Als Soldat war er es gewohnt gewesen, unter freiem Himmel zu leben und zu arbeiten. Im Reparaturwerk wurde jedoch am Morgen die Tür hinter ihm geschlossen und erst am Abend konnte er wieder aus den Gemäuern heraus. Nach dieser kurzen Eisenbahnerepisode heuerte er bei der Firma Wassermann aus Köln an, die in der Paderborner Innenstadt mit der Schutträumung beschäftigt war. Zunächst bediente er eine der vielen Feldbahnen, mit denen die Trümmer abgefahren wurden. Später wechselte er als Fahrer auf einen LKW. Eingesetzt wurden bei Wassermann GMC aus Armeebeständen, die mit Henschel-Einbaudiesel-Motoren umgerüstet worden waren. Nessel durfte einige Zeit lang auch einen Lancia fahren, in den ein Deutz-Herz eingepflanzt worden war. Als in Paderborn alle Trümmer beseitigt waren, fuhr er diesen Laster auch noch in Köln.


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Fernverkehr für das Zementwerk Ilse mit einem MAN F 8

Nach 4 ½ Jahren Trümmer fahren stand Nessel der Sinn nach einer neuen Aufgabe. Mittlerweile hatte er in Wewer bei Paderborn eine Familie gegründet und ein Haus gebaut. Eine neue Anstellung fand er im Oktober 1950 als Fernfahrer beim Zementwerk Ilse in Paderborn. Fuhr er dort zunächst MAN mit eher mäßigen Motorleistungen von 120 und 130 PS, so kam schon bald ein 155 PS starker MAN zum Einsatz. Die Krönung war dann der 180 PS starke MAN, den er zuletzt dort fahren durfte. Gefahren wurde mit zwei Fahrern was das Zeug hielt. Zement wurde nach Koblenz, Dortmund, Düsseldorf oder Kassel gefahren. Rückladungen für das Zementwerk sorgten dafür, dass kein Kilometer leer gefahren wurde. Die fast ständige Abwesenheit von zuhause wurde Wilhelm Nessel z. B. im Monat Dezember 1951 mit einer Entlohnung von  rund DM 1.000,-- netto versüßt. Im Vergleich dazu verdiente ein Beamter im gleichen Zeitraum etwa DM 250,--. 


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Im Ilse-Bruch: zierlicher MAN F 8 und gewaltiger Menck & Hambrock Elektrobagger

Für den Gesteinsabbau im eigenen Steinbruch beschaffte das Zementwerk Ilse im Februar 1952 einen neuen Elektrobagger bei der Firma Menck & Hambrock. Dabei handelte es sich um ein für damalige Verhältnisse riesig großes Baugerät mit einem Löffel, der 3,5 cbm fassen konnte. Die eher konservativen Paderborner munkelten, dass Ilse wegen dieser DM 450.000,-- teuren Neubeschaffung wohl pleite gehen würde. Doch der Bagger verdiente in der Folgezeit sein Geld. Fahrer oder besser gesagt Maschinist auf diesem Monstrum wurde Wilhelm Nessel. Die Fernfahrerei und die damit verbundene Freiheit hatten für ihn auch Kehrseiten gehabt. So war er einfach zu wenig bei seiner Familie und entschloss sich schließlich, sich für die ausgeschriebene Stelle als Elektrobagger-Maschinist zu bewerben. Die Geschäftsleitung von Ilse erkundigte sich bei Nessels früherem Arbeitgeber, der Firma Wassermann nach den Fähigkeiten des jungen Nessel. Nachdem von dort die Information kam, dass er mit derartigen Baugeräten gut umgehen konnte, wechselte er vom Lenkrad des F 8 auf den Sitz des Menck & Hambrock und baggerte ab sofort im Ilse-Bruch. Bekanntermaßen liebte Wilhelm Nessel es jedoch nicht so sehr, in geschlossenen Räumen zu arbeiten bzw. immer an der gleichen Stelle zu sein. Das Elektrokabel seines Baggers beschränkte seinen Aktionsradius jedoch sehr, so dass er sich bald wieder eine neue Aufgabe suchte, die ihm mehr "Freiheit" garantierte.


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Magirus-Deutz Allradkipper mit 175 PS - das erste Neufahrzeug von Wilhelm Nessel

1954 kaufte er einen eigenen LKW, einen 95 PS starken 3,5 to Borgward-Kipper, stellte einen Fahrer ein und setzte diesen LKW auf Baustellen im Oldenburger Land ein. Im März 1955 kündigte er bei Ilse und kaufte im Juni des selben Jahres sein erstes fabrikneues Fahrzeug, einen 175 PS starken Magirus Allradkipper, den er selber fuhr. Bereits im Februar des nächsten Jahres beschaffte er ein baugleiches Fahrzeug als Ersatz für den Borgward. Als Gelegenheitskauf kam als nächstes Fahrzeug ein gebrauchter Magirus S 3500 mit Pritsche und Plane hinzu, den Nessel im Werkverkehr für die Firma Wellit einsetzte. Kurze Zeit standen somit drei Magirus Eckhauber vor dem Siedlungshaus in Wewer. Die Nachbarn sollen davon nicht so sehr begeistert gewesen sein. 1957 gab es dann einen herben Rückschlag für die noch junge Firma. Ein Fahrer verunglückte mit dem zweiten Magirus-Zug in der Nähe des sauerländischen Remblinghausen. Vollbeladen stürzte der Zug eine Böschung hinab - Totalschaden. Da der LKW außerhalb der Nahverkehrszone unterwegs gewesen war, zahlte die Versicherung keinen Pfennig. Zu allem Übel hatte Nessel kurz zuvor für viel Geld eine Fernverkehrskonzession gekauft. Der verunglückte Magirus war finanziert worden. Jetzt musste zunächst einmal der alte Magirus den zweiten bereits nicht mehr existenten abbezahlen helfen. Doch Nessel schaffte auch diese Herausforderung.


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175 PS Rundhauber von Magirus und Mercedes-Benz LAK 312, ein Gelegenheitskauf

Bald schon ging es wieder bergauf. Ein weiterer Gelegenheitskauf ergänzte als nächstes  den Fuhrpark, ein allradgetriebener Mercedes-Benz LAK 312, dem sich bald ein Magirus Rundhauber mit Straßenantrieb und 175 PS hinzugesellte. Gefahren wurden Straßenbaustoffe für verschiedene Baufirmen hauptsächlich aus dem Warsteiner Raum in Richtung Ostwestfalen. Der Betrieb wuchs gesund. Neue Fahrzeuge ergänzten den Fuhrpark bzw. ersetzten alte Laster.  So gelangten weitere Kipper von MAN, Mercedes, Magirus-Deutz und Krupp  zu Nessel.  Zwischenzeitlich hatte Nessel in Schloß-Neuhaus einen Abstellplatz für die LKW angemietet, da die Zustände in Wewer nicht mehr tragbar waren. 1965 konnte er ein Grundstück in Paderborn-Elsen kaufen, auf dem später ein Wohnhaus mit Büro und Abstellplätze für die LKW gebaut wurden. Im Fuhrpark fanden sich sowohl MAN 770 HK als auch Mercedes-Benz LK 334 jeweils mit dazu passenden Anhängern.


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Mercedes-Benz LK 334

Nahezu zwanzig Jahre lang waren Nessel-Kipper am Wiederaufbau der Bundesrepublik und der Wirtschaftwunderzeit beteiligt. 1974 übernahm einer der acht Söhne von Wilhelm Nessel den Betrieb. Sohn Wilhelm reduzierte in der Folgezeit den Fuhrpark ständig, da mit Kippern nicht mehr das Geld zu verdienen war wie in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Später verlegte er sich auf den Containerdienst, den er heute mit einem Iveco-Absetzer betreibt. Fast alle anderen Söhne von Wilhelm Nessel, sen. haben heute irgendetwas mit Kfz zu tun. Besonders auffällig gilt dies für Jochen Nessel. Er gründete 1984 einen eigenen Betrieb und betreibt eine Spedition, deren Fahrzeuge mit der Beschriftung "Nessel Paderborn" die Familientradition fortsetzen. Setzte er als bekennender Unterflurfan zunächst nur auf MAN mit Unterflurmotoren, so sind heute in Ermangelung solcher Fahrzeuge zehn Fernlastzüge der Typen F 2000 und TGA von MAN im Einsatz.

Manfred Koch



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Schutträumung in Paderborn mit 105er Büssing und Lancia Schutträumung in Paderborn mit Lancia und GMC der Firma Wassermann Montage des Menck & Hambrock Elektrobaggers im Ilse-Steinbruch im Jahr 1952 Maschinist Wilhelm Nessel vor dem Menck & Hambrock Bagger
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Details des Menck & Hambrock Baggers 3,5 cbm faßt die Schaufel des Baggers MAN F 8 und Menck & Hambrock - das modernste Gerät im Jahr 1952 auf eigene Rechnung - der erste Magirus Allrad-Kipper von Nessel
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Bald wurde es eng in Wewer. Am Abend standen drei Eckhauber in der Siedlung Im Einsatz für Wellit: Magirus-Deutz S 3500 Magirus-Parade in Wewer 175 PS unter der runden Nase - Magirus ohne Allrad
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Magirus Rundhauber 175 PS neben Mercedes-Benz LAK 312 Magirus Rundhauber 175 PS neben Mercedes-Benz LAK 312 Magirus Rundhauber 175 PS neben Mercedes-Benz LAK 312 Die Baubullen: zwei Allräder von Nessel im Einsatz auf einer Baustelle im Norden der Republik
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Mit und ohne Anhänger im Einsatz: die beiden 175 PS starken Allrad-Eckhauber ungewöhnliche Perspektive: Bagger beim Beladen aus der Sicht des LKW-Fahrers Zwangspause: Richten der Seile Zwangspause: Richten der Seile
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andere Baustelle - anderer Bagger schweißtreibende Arbeit Fahrzeuge von Nessels Kollegen: Henschel HS 140 und Mercedes-Benz Totalschaden in Remblinghausen
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Der Nahverkehrsbereich endete leider einige Kilometer vorher - Magirus-Deutz mit Nahverkehrsschild Herber Rückschlag für das junge Unternehmen gerade noch als Magirus-Haus zu erkennen schwierige Bergung
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MAN 770 HK mit zwillingsbereiftem Anhänger MAN 770 HK und Mercedes-Benz LK 334 abgestellte Fahrzeuge nach Feierabend MAN 770 HK
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abgestellte Fahrzeuge nach Feierabend Stilleben mit Anhänger Der Fuhrpark Anfang der Siebziger Jahre am neuen Wohnhaus in Elsen bunt gemischter Fuhrpark: MAN, Magirus, Büssing, und Krupp
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Überwiegend MAN-Hauber sind um 1970 bei Nessel im Einsatz Das erste Fahrzeug der jungen Firma Jochen Nessel: ein MAN 19.321 U ohne Konzession jedoch mit Luxemburger Zulassung Drei Nessel-Züge laden Mitte der Neuziger Jahre beim Aldi-Lager in Paris aus Aktuelles Fahrzeug: MAN TG 460 A XXL mit Schmitz Auflieger in Farben des Kunden Stute
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Letzte Unterflurgeneration: MAN 19.422 U mit Krone Anhänger im Jahr 2000 MAN 19.422 U im Jahr 2000 in Salzkotten MAN 19.464 F mit Hochdach am 23.04.2002 in Paderborn