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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Französische Rarität

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Fundzustand - so fand Ralf seine Willème-Zugmaschine im Jahr 2002

Einer der Hingucker beim diesjährigen Treffen in Schlechtbach im Schwarzwald war der exotisch anmutende, dunkelrot lackierte Willème LF 101 TH, mit dem Ralf Kavalier vorfuhr. Ralf war auch in der Vergangenheit schon immer gut für eine Überraschung bei der Präsentation von restaurierten Fahrzeugen. Sein zuletzt aufgearbeitetes Fahrzeug, ein MAN 13.304 F wurde 2005 auf www.powalski.com unter dem Titel „Projekt F 7“ näher beschrieben (siehe Zeitung).


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Arbeitsbeschaffungsmaßnahme - Ralf holte sich viel Arbeit aus Frankreich

Da für Ralf das Schrauben und Restaurieren fast wichtiger ist als mit dem alten Laster zu fahren, lag es nahe, dass er ein neues Projekt in Angriff nehmen würde. Dass seine Wahl dabei auf ein französisches Modell fiel, liegt an der Nähe seines Wohnortes zu Frankreich. Schon seit einigen Jahren war er auf der Suche gewesen nach einem Willème. Diese französische LKW-Marke, die in Deutschland nahezu völlig unbekannt ist, hatte es ihm schon länger angetan. Dabei handelte es sich um eine der wirklich alten französischen LKW-Hersteller. Bereits 1919 begann Louis Willème damit, amerikanische Liberty-LKW, die der Erste Weltkrieg nach Europa verschlagen hatte, umzubauen für zivile Zwecke. Später baute er Weiterentwicklungen der Liberty-Laster in eigener Regie. Zu Beginn der 1930er Jahre bot Willème bereits ein breites Programm an Lastwagen mit bis zu 12 to Nutzlast an. Diese Laster waren zunächst mit Drei- und Vierzylindermotoren von CLM ausgerüstet. Später wurden auch Sechs- und Achtzylindermotoren von Deutz in Lizenz gebaut. Dabei wurden Motorleistungen von bis zu 150 PS erreicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Willème schwere Baustellenfahrzeuge und Kipper. Seine Fahrzeuge waren die mit den stärksten Motoren. Im Nachkriegs-Frankreich leisteten seine Motoren bereits 175 PS, als andere Hersteller wie Bernard und Berliet sich noch mit 120 und 130 PS zufrieden gaben. 1970 übernahm Perez & Raimond Paris die Rechte an der 1969 Bankrott gegangenen Firma. Doch auch PRP-Willème gingen 1978 in Konkurs und der belgische Mobilkran-, Bus und Aufliegerproduzent MOL N. V. übernahm alle Baulizenzen.


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Aus zwei mach eins - Rekonstruktion des Fahrerhauses

Ralf hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, seinen Willème zu finden. Auf seine Nachfragen in Kleinanzeigen in Frankreich gab es keine Antworten. Während einer Urlaubsfahrt im Jahr 2002 durch Frankreich fand er dann jedoch einen Schrottplatz, auf dem gleich drei Willème-Zugmaschinen abgestellt waren. Ralf konnte ein paar Fotos durch den Zaun machen und nahm anschließend Kontakt mit dem Besitzer des Platzes auf. Der war zwar sehr freundlich, gab ihm aber zu verstehen, dass die Fahrzeuge nicht abzugeben seien. Er stellte ihm jedoch in Aussicht, dass dies in ein oder zwei Jahren anders sein könne. Es wurde vereinbart, in Verbindung zu bleiben. Ralf hatte bei dem Gespräch übrigens Mühe, dem Franzosen zu erklären, warum da ein „Verrückter“ aus Deutschland kam und gerade solch ein Fahrzeug haben wollte.


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Fertig - erste Probefahrt im April 2009

Nach etlichen Telefonaten und manch schlafloser Nacht wurde aus Frankreich schließlich nach mehr als eineinhalb Jahren signalisiert, dass die Zeit nun gekommen sei für den Verkauf der Fahrzeuge. Ein Kaufpreis wurde vereinbart und ein Tieflader machte sich in Richtung Frankreich ins Department Ain auf den Weg und holte dort im Oktober 2003 zwei Sattelzugmaschinen ab. Zwei Fahrzeuge waren von Anfang an das Ziel der Bemühungen, da die Ersatzteilversorgung in Frankreich auch nicht einfacher ist als bei uns für ähnlich alte Laster. Bei der Übergabe der noch vorhandenen Originalpapiere gab es dann noch eine kleine Überraschung. Ralf wusste wohl, dass die Fahrzeuge bei der französischen Luftwaffe vor Tankaufliegern eingesetzt worden waren. Das war anhand der Farbgebung und weiterer Merkmale eindeutig feststellbar. Neu für ihn war jedoch, dass die beiden Sattelzugmaschinen auf dem Flugplatz in Colmar im Einsatz gewesen waren. Colmar befindet sich etwa 30 Kilometer von Ralfs Wohnort entfernt. Gefunden hatte er die beiden Veteranen aber etwa 450 km südlicher in Frankreich.


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Vorstellung in Schlechtbach - großes Staunen am 24.04.2009

Nach der Fertigstellung des MAN F 7 im Frühjahr 2005 nahm Ralf sich gleich einen der beiden Willeme vor. Dabei gestaltete sich die Restaurierung des 1969 gebauten LKW nicht immer so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte. Die Aufarbeitung des Chassis und die Überarbeitung der Bremsen waren noch die einfacheren Arbeiten, die Ralf in Eigenregie durchführte. Erheblich schwieriger wurde es bei der Bearbeitung des Fahrerhauses. Die Kabinen waren von der Karosseriebaufirma Pelpel gefertigt worden. Diese Firma war in Bezug auf Qualität und Ruf vergleichbar mit Wackenhut in Deutschland. Kurz bevor Ralf die Fahrzeuge in Frankreich abholen konnte, wurden bei einer unsachgemäß durchgeführten Bergung auf dem Schrottplatzgelände sowohl der obere Scheibenrahmen als auch das Dach des besseren der beiden Fahrzeuge, das Ralf restaurieren wollte, eingedrückt. Er musste also dem Schlachtfahrzeug den Rahmen und das Dach entnehmen und auf den Havaristen aufsetzen und anschweißen. Die Instandsetzung und Komplettierung der Inneneinrichtung gestaltete sich ebenfalls schwierig. Obwohl die beiden Zugmaschinen nur dreißig Fahrgestellnummern voneinander entfernt waren, unterschieden sich die Einrichtungen erheblich. Bemerkenswert für Militärfahrzeuge war, dass die Innenräume mit rotem Kunstleder überzogen waren.


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Guter Klang - Ralf während der Ausfahrt am 25. April 2009

Nachdem die Blecharbeiten gut voran gekommen waren, konnte Ralf sich dem Motor zuwenden. Verbaut war ein turboaufgeladener Dieselmotor des Typs Willeme 518 T6c, Der 6 Zylinder Reihenmotor hat einen Hubraum von 13.540 ccm und erbringt eine Leistung von 270 PS. Das mit einer Vorschaltgruppe ausgerüstete Getriebe stammt von ZF und hat die Bezeichnung AK 6-75/3. Ralf besorgte einen Satz neuer Batterien und baute sie ein. Anschließend wurde der Dieseltank aufgefüllt und der Starterknopf gedrückt. Zu seiner großen Freude lief die Maschine einwandfrei und gab Töne von sich, die Ralf zu der Erkenntnis kommen ließen, dass er keinen Scania V8 haben musste.


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in Deutschland eher unbekannt - Willème

Nerviger waren dann jedoch wieder die Arbeiten an der Elektrik, denn alle Kabel waren in braun gehalten. Etliche Stunden verbrachte er mit seinem Messgerät im und unter dem LKW. Aber auch diese Arbeiten wurden irgendwann abgeschlossen. Als goldrichtig erwies sich die Tatsache, dass er einen zweiten, nahezu baugleichen Willème als Schlachtfahrzeug mit gekauft hatte.  Nach dem Motto „aus zwei mach eins“ konnte er manch wichtiges Teil  vom Ersatzteilträger demontieren und in seinen „guten“ Willème einbauen. Bereits beim Beginn der Arbeiten machte Ralf sich Gedanken zur späteren Lackierung des Lasters, Er entschied sich für ein graues Fahrgestell und eine dunkelrote Kabine. In diesen Farben wurde der Willème schließlich im August 2007 lackiert. Ein neuer Himmel im Fahrerhaus wurde durch einen befreundeten Sattler eingepasst. Nachdem viele weitere Kleinarbeiten erledigt worden waren, konnte Ralf erstmalig im April 2009 beim Treffen bei Dieter Stebner in Schlechtbach sein neues Fahrzeug vorstellen.

Text:    Manfred Koch

Fotos:    Ralf Kavalier, Manfred Koch


Weitere Bilder:
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Fundort der beiden Willème-Zugmaschinen - ein Schrottplatz in Frankreich Oktober 2003 - Abholung der beiden Willème in Frankreich Bestandsaufnahme - Beginn der Restaurierung im Frühjahr 2005 konnte zügig erledigt werden - Aufarbeitung des Chassis und der Bremsen
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konnte zügig erledigt werden - Aufarbeitung des Chassis und der Bremsen erste Farbversuche - das Fahrgestell wurde grau lackiert havariertes Fahrerhaus - Dach und Scheibenrahmen wurden dem Ersatzteilspender entnommen 13.540 ccm Hubraum und 270 PS - das Willème-Triebwerk
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Geduldsspiel - Aufarbeitung des Fahrerhauses Meilenstein - Lackierung des Fahrerhauses nur noch Restarbeiten - fertig lackierter Willème neuer Himmel - die Inneneinrichtung machte viel Arbeit
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endlich! - erste Probefahrt im April 2009 erste Ausfahrt - am 25. April 2009 während des Treffens in Schlechtbach optisch und akustisch ein Erlebnis - Ralfs Willème während der Ausfahrt in Schlechtbach Typenschild
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begehrtes Fotomotiv - Willème LF 101 TH auf dem Fotoplatz in Gersbach begehrtes Fotomotiv - Willème LF 101 TH auf dem Fotoplatz in Gersbach für das Fahrerhaus verantwortlich - die Karosseriefirma Pelpel Trilex muss sein - die Trilex-Räder geben dem Willème ein bulliges Aussehen
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Kommandostand - Ralfs Arbeitsplatz Rückansicht - Willème-Schriftzug