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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Mit dem O 3500 zur Mai-Kundgebung

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Georges Carbon an seinem Schreibtisch

Am 20. April 1955 sitzt Georges Carbon an seinem Schreibtisch und erledigt den üblichen Papierkram. Er betreibt in Luxemburg ein kleines Transportunternehmen und setzt einige LKW ein. Sein ganzer Stolz ist jedoch ein Reisebus vom Typ Mercedes-Benz O 3500, den er am 1. April 1953 neu übernommen hat. Er wird aus seinen Gedanken aufgeschreckt durch das Klingeln des Telefons. Am anderen Ende der Leitung ist der örtliche Gewerkschaftssekretär, der nachfragt, ob der Bus am 1. Mai noch frei ist und eine Gruppe von Gewerkschaftern zur Mai-Demonstration gefahren werden kann. Georges hat natürlich alle Termine im Kopf und kann umgehend bestätigen, dass der Bus an dem Tag noch frei ist. Auch über den Preis wird er sich mit seinem Gesprächspartner schnell einig.


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Die Teilnehmer der Mai-Kundgebung warten auf die Rückfahrt

Am 1. Mai steht sein Bus frisch gewaschen pünktlich zur Abfahrt bereit. Seine kurzzeitigen Bedenken, ob die Gießereimitarbeiter mit ihrer meist schmutzigen Arbeitskleidung die richtigen Fahrgäste sind für seinen schmucken Bus, erledigen sich, als er die Gewerkschaftsmitglieder sieht. Alle haben frisch gewaschene und gebügelte Arbeitsanzüge an, um die Feierlichkeit der Veranstaltung zu unterstreichen. Auch Georges hat sich einen sauberen Arbeitskittel angezogen und startet den 90 PS starken OM 312 Dieselmotor seines Busses, nachdem alle Fahrgäste Platz genommen haben und der Sekretär die üblichen Begrüßungsworte gesprochen hat. Nach etwa einer halben Stunde Fahrzeit erreichen die gut gelaunten Arbeiter die Gießerei, in der sie heute ausnahmsweise einmal nicht schuften und schwitzen müssen. Sie lauschen den Worten ihrer Funktionäre, die sich lautstark für Arbeitszeitverkürzungen, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Entlohnung einsetzen.


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Fertig für den nächsten Einsatz - Georges Carbon vor seinem O 3500

Das alles berührt Georges wenig. Er wartet am Rande der Veranstaltung mit seinem Bus und nutzt die Zeit, um einige kleinere Wartungsarbeiten und Kontrollen durchzuführen. Dazu öffnet er die beiden Motorhaubenteile, die über je zwei Klemmhebel verriegelt sind. Nachdem er den Ölstand kontrolliert hat, der natürlich einwandfrei ist, hat er doch erst vor der Abfahrt am Morgen die gleiche Kontrolle schon einmal durchgeführt, überprüft er den Stand im Dieseltank. Da der Bus über keine Tankuhr verfügt, nimmt er vom Haken neben der Fahrertür ein Schlüsselbund, an dem einige Schlüssel hängen, die jeder Kellertür zur Ehre gereichen würden, und begibt sich zur rechten Seite des Busses. Dort öffnet er mit einem Vierkant die Klappe, hinter der sich der Tankeinfüllstutzen befindet und entfernt den Tankdeckel. Mit einem Holzstab, an den Georges Markierungen angebracht hat und den er nun in den Tankstutzen einführt, kann er den Füllstand des Tanks ermitteln. Da er diese Kontrolle regelmäßig durchführt, hat er den Bus trotz fehlender Tankuhr noch nie „trocken gefahren“. Er hat auch keine große Lust, sich vor seinen Fahrgästen zu blamieren und unterwegs die im Kofferraum mitgeführten Kanister in den Tank umzufüllen und danach den Motor zu entlüften. Erfahrungsgemäß gibt es bei solchen Aktionen nicht nur schmutzige und nach Diesel riechende Hände sondern auch reichlich Spott und Hohn der Reisenden.


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Der O 3500 verlässt die Gießerei Forges de Clabecq

Nachdem die Maikundgebung beendet ist, fährt Georges seine Fahrgäste wieder in Richtung Heimat. Gut gelaunt genießen die Arbeiter die Rückfahrt. Da am Nachmittag die Sonne scheint und die Temperaturen im Bus nicht zuletzt auch wegen der mitgebrachten und bereits heftig konsumierten alkoholischen Getränke steigen, hat Georges das Schiebedach des Busses geöffnet. Er setzt seine angeheiterte Fracht kurz vor dem Ziel an einer Gastwirtschaft ab, in der die Erfolge des heutigen Tages noch reichlich begossen werden sollen. Georges gönnt sich dort einen kleinen Imbiss und fährt dann heim, um den Bus für den nächsten Einsatz vorzubereiten. Er wird natürlich innen gereinigt, die Betriebsstoffe werden erneut kontrolliert und aufgefüllt, der Reifendruck wird überprüft etc. Am Abend steht das Schmuckstück des Unternehmens Georges Carbon Excursions & Transports aus dem Grand Duché de Luxembourg wieder in der Garage und blickt erwartungsvoll in die Zukunft.


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Dezente Beschriftung auf dem elfenbein- und tundragrün-lackierten Mercedes

Natürlich hat sich das Geschehen so nicht abgespielt, den Georges Carbon wurde erst 1971 geboren und die Fabrik, zu der er die Arbeiter brachte, ist die Gießerei Forges de Clabecq bei  Brüssel, in der für eine französische Filmproduktion im Jahre 2005 Aufnahmen gemacht wurden. Doch den Mercedes-Benz O 3500 gibt es wirklich. Er ist der ganze Stolz des jungen Luxemburgers. Der Bus verließ tatsächlich im April 1953 das Mercedes-Benz Buswerk in Mannheim und wurde nach Bayern geliefert. Nach einigen Jahren wurde er in den deutschsprachigen Teil Belgiens verkauft bevor er 1963 von René Stephany aus Ulfingen in Luxemburg erworben wurde. Der betrieb ein bereits 1919 gegründetes Omnibusunternehmen und stellte frühzeitig einige alte Busse zur Seite, die er nicht mehr einsetzte. So hatte er bald ein gutes Dutzend Busse in diversen Scheunen abgestellt, darunter auch zwei Mercedes-Benz O 3500, etliche Kässbohrer Setra der 10er Baureihe sowie einen Mercedes-Benz O 321 H und einen O 319 D. Anfang der 90er Jahre brannte dann eine Scheune ab und vernichtete viele Fahrzeuge. Nur eine handvoll Busse blieb übrig.


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Der O 3500 während der Restaurierung bei Schmitz in Niederzier

Im Herbst 1997 nahm Georges Carbon Kontakt auf mit René Stephany und konnte von ihm den Mercedes-Benz O 3500 erwerben. Einige deutsche Sammler kannten den Bus natürlich auch und versuchten schon seit längerer Zeit, den Besitzer zum Verkauf zu bewegen. Doch dank guter persönlicher Kontakte blieb der Bus in Luxemburg. Mit dazu beigetragen hat sicherlich auch die Herkunft Georges´. Sein Großvater Francois Frisch war bereits 1929 Mitbegründer der Firma Frisch Frères. Als Busunternehmer im luxemburgischen Rambruch erfüllte er sich 1951 einen Traum, in dem er sich einen O 3500 als erstes Neufahrzeug nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte. Im Gegensatz zu Georges Bus hatte der allerdings kein Faltschiebedach und Falttüren anstelle der Schlagtüren. Aus Erzählungen seines Großvaters weiß Georges, dass beim Eintreffen des neuen Busses das gesamte Dorf auf den Beinen war, um den Neuling zu feiern. Jahrelang wurde der Bus anschließend für Ferntouren eingesetzt. Seine Reisen führten ihn bis nach Rom. 1970 war seine Uhr jedoch abgelaufen und er wurde in den Libanon verkauft.


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Blick aus dem Bus auf die wartenden Statisten

Georges Carbon übernahm seinen O 3500 am 10. Oktober 1997 und ließ ihn anschließend von der Firma Schmitz in Niederzier bei Düren restaurieren. Die umfangreichen Arbeiten dauerten bis zum August 2004. Das Fahrzeug war komplett und wies keine allzu großen Schäden auf, hatte es doch seit 1971 trocken in einer Halle gestanden. Bei der ersten Bestandsaufnahme stellte sich dann jedoch heraus, dass das Blechkleid unterhalb der Fensterunterkante komplett erneuert werden musste. Auch das Heckteil und sämtliche Kofferräume wurden erneuert. Bei diesen Arbeiten waren die Erfahrungen der langjährigen Mitarbeiter der Firma Schmitz fast unbezahlbar. Das Fahrzeugheck wurde von ihnen in großen Teilen nachgedengelt. Die Technik eines O 3500 ist fast unverwüstlich. Auch beim Bus von Georges Carbon wurden daher nur die Verschleißteile erneuert. Bei der Innenausstattung und dem Schiebedach waren die Arbeiten aufwendiger. Sie wurden komplett bei einem Fachbetrieb in Augsburg durchgeführt. Verwendet wurden ausschließlich originale Stoffe wie z. B. Happich-Kunstleder oder Schweizer Kammgarn. Als Dachverdeck wurde ein Produkt der Firma Webasto eingebaut. Zuletzt erfolgte die Lackierung in den Farben der Busse seines Großvaters. Der Bus fährt heute in den Farben elfenbein und tundragrün vor. Die dezente und unaufdringliche Beschriftung rundet das insgesamt positive Erscheinungsbild des Busses ab. Nach der abgeschlossenen Restaurierung hat der Bus schon die ersten 3.000 Kilometer zurückgelegt. Demnächst wird er auch in Deutschland zu sehen sein und dort eine Bereicherung des einen oder anderen Treffens darstellen. Weitere Informationen, auch zur Möglichkeit der Anmietung des Busses, finden sich auf der Internetseite www.oldtimerbus.lu.

Text: Manfred Koch
Fotos: © Georges Carbon


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Der Bus wurde auch innen komplett überarbeitet Der O 3500 während der Restaurierung bei Schmitz in Niederzier Das Fahrzeugheck wurde von den erfahrenen Mitarbeitern der Firma Schmitz neu gedengelt Der O 3500 während der Restaurierung bei Schmitz in Niederzier
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Über mehrere Jahre zog sich die Restaurierung des Reisebusses hin - Blick auf den Arbeitsplatz des Chaffeurs Blick in den hinteren Teil des Busses während der Aufarbeitung Fertig zur ersten Ausfahrt - der frisch restaurierte Mercedes-Benz O 3500 Fertig zur ersten Ausfahrt - der frisch restaurierte Mercedes-Benz O 3500
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Pause für den O 3500 während der Filmaufnahmen in der Gießerei Dem Kameramann über die Schulter gesehen - Statisten warten auf die nächste Einstellung Dem Kameramann über die Schulter gesehen - Statisten warten auf die nächste Einstellung Dem Kameramann über die Schulter gesehen - Statisten warten auf die nächste Einstellung
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Plakat der Kundgebung zum 1. Mai Blick aus dem Bus auf die wartenden Statisten Gewerkschafter auf dem Weg zur Mai-Kundgebung Plakat der Kundgebung zum 1. Mai
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Blick auf den für heutige Maßstäbe spartanisch ausgerüsteten Arbeitsplatz des Busfahrers Seltene Ausführung: Der O 3500 von Georges Carbon besitzt ein Vollschiebedach Jetzt auch mit Radkappen und Mercedes-Stern Fünfziger Jahre pur: Mercedes-Benz O 3500
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Jetzt auch mit Radkappen und Mercedes-Stern Runde Sache: Das Heck des Reisebusses keine Angst vor Schnee: Georges Carbon vor seinem Mercedes-Benz O 3500