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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Der letzte seiner Art

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12.08.1995, 07.00 Uhr - Abfahrt in Hagen

Mitte der 1990er Jahre waren Büssing-LKW auf deutschen Straßen so gut wie ausgestorben. Lediglich der von Büssing stammende Unterflurmotor hatte in diversen MAN-Modellen überlebt. Doch auch er sollte mit der Einführung der Typenreihe F 2000 aussterben. Nur bei Treffen von Alt-LKW-Freunden war der eine oder andere Büssing noch zu sehen und mit etwas Glück auch zu erleben.


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Ankunft in Bochum - der Ladevorgang beginnt

Zu meiner Überraschung sah ich dann aber doch im Frühjahr 1995 einen Büssing Commodore LU 11, der anscheinend noch im Alltagseinsatz stand. Selten waren sie damals geworden, die wirklich alten Nutzfahrzeuge im harten, täglichen Einsatz. Wer in der auch damals schon schnelllebigen Zeit seine Brötchen mit der Beförderung von Gütern verdienen musste, konnte sich keinen veralteten Fuhrpark mehr leisten. Spediteure tauschten ihre Fahrzeuge in stetig kürzer werdenden Intervallen gegen neue aus, nur damit im Just-in-time-Rausch von Großindustrie und Zulieferern die Zahl der unkalkulierbaren Risiken auf ein Minimum abgesenkt werden konnte. Auch die beständige Anhebung der Motorleistung bei Schwerfahrzeugen ließ angejahrte Nutzfahrzeuge zuweilen wirklich alt aussehen. Die 210 Pferde eines Krupp Titan, in den Fünfzigern das Nonplusultra an Motorleistung, wieherten 1995 schon in leichten Verteiler-LKW. Die aktuelle Obergrenze markierten die 680 PS eines Freightliners mit Caterpillar-Triebwerk, der im Ruhrgebiet Glas transportierte. Dagegen nahmen sich 192 PS natürlich vergleichsweise bescheiden aus.


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Meierling Anhänger - 17 to Holz darf auf den Dreiachser verladen werden

Bernhard Graewe, 67jähriger Holzhändler aus Hagen in Westfalen und Besitzer des Büssing, beklagte sich trotzdem nur selten über seinen Commodore LU 11 von 1965. Einst zur Königsklasse der Fernverkehrswagen gehörend und entsprechend weit verbreitet, war der alte Büssing drei Jahrzehnte später zur absoluten Ausnahmeerscheinung inmitten seiner plastikbewährten  Nachfolger geworden. Aber das schützte zumindest Bernhard Graewes Commodore nicht vor  harter Arbeit. Versehen mit einem Ladekran und stabilen Rungen für den Stammholztransport, fuhr ihn sein Besitzer zwar nicht täglich, aber doch regelmäßig kreuz und quer durch Nordrhein-Westfalen.


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Baujahr 1965 - Büssing Commodore LU 11

Am 12. August 1995, einem sonnigen Samstag, konnte ich die beiden Veteranen zusammen mit Graewes philippinischer Ehefrau Mila auf einer ihrer Touren begleiten. Wir trafen uns um sechs Uhr morgens auf Graewes Lagerplatz. Schon vor dem Tor hörte ich das kernige Laufgeräusch des U 11-Vorkammerdiesels. Während Bernhard Graewe beim Frühstück saß, durfte sein Büssing vor der anstrengenden Tour noch ein etwas Luft holen. Als hätte der Veteran nicht genug mit sich selbst zu tun, musste er an dem Tag zusätzlich einen Meierling-Dreiachsanhänger für 17 Tonnen Nutzlast hinter sich her ziehen. Zwar war dieser Rungenanhänger nur einige Tage älter als das Zugfahrzeug, seine Trilex-Räder ließen ihn aber wesentlich betagter erscheinen. Kurze Zeit später steuerte Graewe das imposante Gespann über Wetter und Witten in Richtung Bochum. Problemlos schwammen wir im morgendlichen Verkehr mit. Kaum ein Passant drehte sich nach dem Frontlenker um, offensichtlich passte er immer noch ins damalige Straßenbild. Auch die Geräuschentwicklung des freiliegenden Unterflurmotors fiel im Vergleich zu aktuellen LKW nicht aus dem Rahmen. Lediglich an Steigungen zeigte sich, dass der Commodore aus einer Zeit stammte, als Schwerlastwagen noch bedächtiger unterwegs waren. Aber selbst als sich die Tachonadel der Zahl 25 näherte, wurde Bernhard Graewe nicht nervös – schließlich hatte er in den 26 Jahren zuvor genügend Zeit gehabt, sich an seinen treuen Gefährten zu gewöhnen.


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14 + 4 Tonnen Ladung - keine wirkliche Last für den Commodore

In Bochum lenkte Graewe sein Gespann auf die A 43, die wir bis zum Ende am Opel-Werk befuhren. Dort befand sich das Ziel unserer Fahrt, ein Lagerplatz der Autobahnmeisterei, auf dem an den Autobahnen abgeholzte Pappeln und Platanen zwischengelagert wurden. Im Auftrag eines Spanplattenwerkes am Niederrhein holte Graewe hier verwertbare Stämme ab. Mit unerschütterlicher Gelassenheit  lud er in den folgenden zwei Stunden etwa 14 Tonnen Holz auf den alten Meierling-Anhänger, während der Büssing nur vier Tonnen aufgebürdet bekam. Die Ladevorgänge bei der Firma Graewe liefen stets nach dem gleichen Muster ab. Während Bernhard Graewe von einer Plattform am Heck des Commodore die Hydraulik des Krans bediente sorgte seine Frau hinter dem Lenkrad für ein konstantes Drehzahlniveau des Motors und steuerte so die Geschwindigkeit des Ladevorgangs. Nachdem der Anhänger bis zur Oberkante seiner Rungen beladen war, sicherte Graewe die Ladung und bestieg das Fahrerhaus zur Rückfahrt nach Hagen. Trotzdem er nun beinahe 20 Tonnen Holz zu schleppen hatte, war der Büssing gegenüber der Hinfahrt nicht wesentlich langsamer geworden.


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alt trifft alt - LU 11 unter der Eisenbahnbrücke zwischen Witten und Herdecke

Kaum vier Stunden nach der frühmorgendlichen Abfahrt waren wir wieder auf Graewes Hof, wo den unbeteiligten Beobachter ein schwer zu durchschauendes Rangiermanöver erwartete. Da der Hof des Lagerplatzes zu klein für ein Wendemanöver mit dem kompletten Zug war, kuppelte Ehefrau Mila den Anhänger im Tor ab und sicherte ihn mit einem Unterlegkeil. Währenddessen parkte ihr Mann den Büssing in einer Ecke des Hofes und verschwand in einem Schuppen, um kurz darauf am Steuer eines MAN-Allradschleppers wieder aufzutauchen. Dieser MAN 4R3 von 1961 diente einst einem Bauern aus der Gegend von Iserlohn, ehe er 1966 seine Karriere als Waldarbeiter bei der Firma Graewe begann. Erstaunlich souverän zogen die 45 PS des MAN den schweren Anhänger die leichte Hofsteigung hinauf. Anschließend bugsierte Graewe das Gespann in einem Zug an einen genau festgelegten Platz des Hofes. Er machte das mit einer Perfektion, die nur auf jahrelange Routine im Umgang mit diesem Gespann zurückzuführen war. Zu meiner Überraschung wurde anschließend aber nicht wieder der Büssing, sondern ein vergleichsweise langweiliger Iveco-Magirus 260-25 vor den Anhänger gespannt, den Graewe auf längeren Strecken seinem Commodore vorzog. Die wenigen Stämme des Büssing wurden mit Hilfe des Krans rasch auf den Magirus umgeladen. Das geringe Ladevolumen des Kippers erklärte dann auch, warum Graewe den Motorwagen in Bochum nicht vollständig beladen hatte.


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alter Waldarbeiter - MAN 4R3 von 1961

Am Montag darauf konnte es dann mit etwas mehr Spritzigkeit und einem sechsachsigen Zug zum Spanplattenwerk gehen, wo mit einem Portalkran der gesamte Lastzug entleert wurde. Bernhard Graewes Commodore war 1995 vielleicht nicht der schönste unter den wenigen noch bekannten Fahrzeugen dieses Typs, sicherlich war er aber der einzige, der noch fast täglich im Einsatz stand und Geld verdienen musste. Aufhören? Den Büssing verkaufen? – Graewe schüttelte den Kopf und verneinte entschieden. Solange seine Gesundheit es zuließ, wollte er weitermachen. Und die wenigen „Geier“, die bereits über Hagen kreisten und scharf auf den Büssing waren, brachten ihn nun wirklich nicht aus der Ruhe. Ging es nach Graewes Vorstellungen, so wollte er mindestens noch die gemeinsamen hundert Jahre mit seinem treuen Weggefährten vollmachen. Daraus wurde allerdings nichts mehr. Bernhard Graewe verstarb einige Jahre später. Der Büssing wurde von einem Spediteur übernommen und sollte restauriert werden. Dabei ist dann aber auch geblieben. Mittlerweile steht er wohl wieder zum Verkauf. Er wird aber auch bei noch so guter Restaurierung nie wieder der alte, zerschundene Büssing Holzlaster sein, der er für Bernhard Graewe, aber auch für einige stille Beobachter und Bewunderer des Veteranen-Duos war.

Fotos: Archiv Graewe, Manfred Koch
Text: Manfred Koch


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erster Kontakt - 1982 bei Schmidt Fahrzeugbau an der Schwerter Straße in Hagen April 1992 in Hagen - der Commodore in der Blüte seiner Karriere April 1992 in Hagen - der Commodore in der Blüte seiner Karriere mit Mila Graewe - Büssing LU 11 im März 1993
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12.08.1995, 07.00 Uhr - Abfahrt in Hagen Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995 Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995 Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995
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Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995 Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995 Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995 Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995
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alt trifft alt - LU 11 unter der Eisenbahnbrücke zwischen Witten und Herdecke Ankunft in Hagen Ankunft in Hagen Rangieren in Hagen
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Bochum Holzlagerplatz an der Autobahn - 12.08.1995 Meierling Anhänger am 06.04.1997 in Halver Rangieren in Hagen