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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Bei uns da fährt ein Haus vorbei!

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So fand Christoph Utech den Gräf & Stift V 7 D

Kommt heute ein Zeitgenosse auf die Idee, einen Bus zu restaurieren, dessen Verfalldatum bereits überschritten ist, so möchte er entweder ein besonders seltenes Exemplar der Nachwelt erhalten, sich einen Jugendtraum erfüllen oder sich einfach nur mit der alten Technik beschäftigen. Gründe für ein derartiges Projekt gibt es viele. Auf jeden Fall sollte er über das nötige Kleingeld für die meist sehr aufwendigen und umfangreichen Arbeiten verfügen. Einen völlig anderen Beweggrund für die Herrichtung eines alten Busses hatte vor fast 50 Jahren der spätere Berufsschullehrer Christoph Utech aus Lüchow im Wendland. Er baute einen ehemaligen Haubenbus, der als Gräf & Stift Linienbus des Typs V 7 D im Jahre 1939 in Wien gebaut worden war, zu einem Frontlenkerwohnmobil um und lebte sogar eine Zeit lang darin.


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Utech baute den Hauber fachmännisch zum Frontlenker um

Über den Weg des Busses von Österreich ins Wendland kann nur spekuliert werden. Es handelte sich vermutlich um ein Beutefahrzeug, das im Zweiten Weltkrieg von der Deutschen Wehrmacht beschlagnahmt worden war für Truppen- und Verwundetentransporte. Nach dem Krieg wurden die überall herumstehenden Fahrzeuge von der englischen Besatzungsmacht eingesammelt und an Privatleute weiter gegeben, die damit den öffentlichen Personennahverkehr wieder aufbauen sollten. Der Gräf & Stift mit Fahrgestell von Daimler-Benz wurde von dem britischen Major Betty der Spedition Röhlsberger in Winsen an der Luhe zugeteilt. Die setzte ihn im Linienverkehr ein auf der Strecke Winsen – Niedermarschacht. Zuvor wurde der 100 PS 6 Zylinder-Daimler-Benz-Motor jedoch auf Holzgasbetrieb umgebaut, da Diesel in der Nachkriegszeit Mangelware war. Reichte der Motor für das 10,8 t schwere Gefährt sowieso nur so eben aus, so war der Bus beim Holzgasbetrieb noch schwerfälliger und langsamer. Er verfügte über 32 lederne Sitzplätze. Auf dem Kühler prangte ein ehemals verchromter Löwe, der jedoch rot gestrichen worden war. Zunächst war er mit dem Kennzeichen HA 46-6527 unterwegs, später erhielt er ein neues Schild mit der Buchstaben/Zahlenkombination BN 46 – 5527 (BN = Niedersachsen, 46 = Landkreis Harburg in Winsen/Luhe). Bis etwa 1948 dauerte das Provisorium mit dem Holzvergaser. Danach war es möglich, das Fahrzeug auf Dieselbetrieb zurück zu bauen, da der Kraftstoff wieder ausreichend zur Verfügung stand.


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Utech fotografierte regelmäßig den Fortgang seiner Arbeiten

Neben dem Einsatz auf der genannten Linie wurde der Bus auch zum Transport der sog. Trümmerfrauen eingesetzt. Die Engländer und die Stadtverwaltungen hatten die Frauen dazu aufgerufen, sich freiwillig zur Aufarbeitung von Ziegelsteinen zu melden. Sie mussten in zerbombten Gebieten die noch guten Ziegelsteine von Mörtel befreien. Die Steine wurden u. a. für den Neubau von Häusern verwendet, da die Ziegeleien den Bedarf an neuen Steinen nicht befriedigen konnten. Außerdem verfügte kaum jemand über die nötigen finanziellen Mittel für neues Baumaterial. Die aufgearbeiteten Steine fanden oft Verwendung für Kellerräume und die Innenwände. Ernst-August Röhlsberger, damals Juniorchef der Spedition erinnert sich, dass das recycelte Baumaterial damals sehr beliebt war. Die ausgebombten Bauherren hielten die Steine für besonders haltbar, da sie zweimal gebrannt waren, einmal in der Ziegelei und dann erneut durch die Bomben der Alliierten. Die Trümmerfrauen wurden von der Firma Röhlsberger bis 1952 noch regelmäßig nach Hamburg gefahren. Dazu wurden teilweise zwei oder drei Busse pro Tag eingesetzt, darunter auch der mittlerweile ziemlich betagte Gräf & Stift. Zuletzt wurde er jedoch nur noch als Ersatzfahrzeug vorgehalten, da es mit der Ersatzteilversorgung Probleme gab und auch die Schlagtüren beim Einsatz im Linienverkehr zu Problemen führten. Die Sicherheit der Fahrgäste war nicht mehr gewährleistet. 1954 war nach fast fünfzehn Jahren hartem Einsatz das erste Leben des Gräf & Stift zu Ende. Der Bus wurde an den Schrotthändler Reich & Gebauer in Lüneburg abgegeben. 


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Christoph Utech mit seinem Dreirad mit angebauter Säge

Dort fand ihn 1957 Christoph Utech aus Lüchow im Wendland. Utech war ein sehr unkonventionell lebender Mensch. Seinen Lebensunterhalt verdiente er damals mit dem Sägen von Holz. Dazu fuhr er mit einem selbstgebauten Dreirad, auf dem eine Säge aufgebaut war, durch den Landkreis. 1957 entschloss er sich, sein Studium in Marburg abzuschließen, um dann als Berufsschullehrer arbeiten zu können. Er hatte jedoch nicht vor, in Marburg eine Wohnung oder ein Zimmer für sich, seine Frau und die Tochter zu mieten, um dort zu wohnen. Er setzte sich vielmehr in den Kopf, einen alten Bus zum Wohnen herzurichten. In Lüneburg auf dem Schrottplatz fand er sein Heim auf Rädern. Wie er das sperrige Gefährt, das seines Originalmotors beraubt war, in seinen Heimatort schaffte und in welchem Zustand sich das Fahrzeug befand, ist nicht überliefert. Utech entschied jedenfalls, den Bus mit der langen Haube zu einem Frontlenker umzubauen, um mehr Wohnraum zu bekommen.


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Der Umbau des Busses war fast ein kompletter Neubau

Utech war bekannt dafür, dass er keine halben Sachen machte. Auch beim Umbau des Busses ging er keine Kompromisse ein. Zunächst bockte er das Fahrzeug auf und baute die Achsen aus. Im Anschluss daran wurde die Beblechung entfernt. Das Holzgerippe lag nun nackt vor ihm. Anscheinend verfügte er über hervorragende Kenntnisse in der Holzbearbeitung bzw. Stellmacherei, denn er restaurierte das Skelett sehr aufwendig und akkurat mit ausgesuchten Buchenkernhölzern. Dabei verlängerte er den Aufbau nach vorne und verwandelte den ehemaligen Haubenbus in einen Frontlenker. Doch nicht nur der Aufbau wurde von ihm modifiziert. Auch der Fahrersitz, die Pedale, die Handbremse, das Armaturenbrett und das Lenkrad mussten um zwei Meter nach vorne versetzt werden. Den 100 PS Daimler-Benz-Motor ersetzte er durch einen Vierzylinder Hanomag-Vorkammer-Diesel-Motor des Typs D 19. Bei einem Hubraum von 1.910 ccm erbringt dieser Motor bei max. 2.000 U/min. eine Dauerleistung von ganzen 19,8 PS. Der wurde von ihm jedoch nicht an die Stelle des alten Triebwerkes gesetzt, sondern er baute ihn dort ein, wo bei Büssing-Fahrzeugen der Unterflur-Motor sitzt, d. h. auf der rechten Fahrzeugseite zwischen die Achsen. Da die Bauhöhe des Hanomag-Motors natürlich höher ist als die eines Unterflurmotors, ragte er erheblich in den Wohnraum hinein. Der Motor befand sich vor dem Differenzial und einem kleinen Getriebe. Die Kraftübertragung erfolgte über eine einfache Kette.


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Um mehr Stauraum zu bekommen baute Utech ein Spitzdach auf das Wohnmobil

Alle Metall- und Holzarbeiten wurden von Utech selbst ausgeführt. Dabei hatte er keine modernen Werkzeugmaschinen zur Verfügung. Improvisation war angesagt. Fachmännisch baute er das Fahrzeug neu auf. Als Krönung setzte er ein komplett neues Dach mit aufwendig zu fertigenden runden Spriegeln auf das Gerippe. Zusätzlich montierte er an das Heck einen Koffer für Gasflaschen und Werkzeuge. In diesem Stadium erkannte er jedoch, dass der zur Verfügung stehende Stauraum des Fahrzeugs für seine Pläne zu gering war. Warum er nicht einfach einen  Gepäckanhänger einplante, ist nicht ganz klar. Er entschied sich für die komplizierte Lösung und baute auf das wunderschön gelungene Runddach ein Sattelschleppdach. Das Dach wurde anschließend mit roter Teerpappe beschlagen. Drei Durchbrüche wurden angebracht für den Schornstein und die Lüftung. Geheizt und gekocht wurde mit Holz und Kohle. Licht wurde mit Gaslampen erzeugt. Die Bleche der Fahrzeughaut wurden mit Nägeln auf dem Holzgerippe befestigt.


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in diesem Zustand fand Andi Distler das Fahrzeug im Sommer 2001

1964 war das Fahrzeug reisefertig. Er besaß nun wohl eins der ersten und vor allen Dingen größten Wohnmobile aller Zeiten. Mit seiner Schöpfung fuhr er nach Lüneburg und erhielt dort eine Zulassung für das Fahrzeug, die jedoch auf eine Geschwindigkeit von 25 km/h begrenzt war. Zurück in Lüchow verstaute er Hab und Gut sowie seine Familie in dem Eigenbau und fuhr die ca. 334 km lange Strecke nach Marburg, um dort sein Studium abzuschließen. Zwei Jahre lang lebte er mit Frau und Kind in dem Wohnmobil. 1966 ging es auf dem gleichen Weg zurück ins Wendland. Das Wohnmobil wurde danach nicht mehr genutzt. Als Utech später ein Grundstück an der alten Försterei in Rehbeck kaufte, schaffte er den Boliden dorthin. Dort stand der Bus und diente zuletzt den Kindern der Nachbarschaft als Spielplatz. Letztlich wuchs das Fahrzeug total zu und wurde kaum noch beachtet.


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abenteuerliche Bergung des Gräf & Sift durch Andi Distler

Im Jahr 2001 erfuhr Andreas Distler aus Luckau durch einen Freund von dem Wohnmobil. Als gelernter Karosserie- und Fahrzeugbautechniker interessierte er sich natürlich auch für altes Blech und besichtigte den Veteranen. Er erfuhr, dass Utech mittlerweile verstorben war und das gesamte Anwesen von dessen Tochter versteigert werden sollte. Da sich ernsthaft niemand für das Wohnmobil zu interessieren schien, war der Weg allen alten Eisens zum Schneidbrenner abzusehen. Er entschied sich, während der Versteigerung auf den ehemaligen Gräf & Stift zu steigern. Gesagt – getan. Er erhielt den Zuschlag und hatte ein größeres Problem. Wie sollte er das Gefährt aus seiner Lage befreien und wie es zu seinem Resthof in der Nähe befördern? Gemeinsam mit seinem Freund Holger Rudolph legte er das Fahrzeug frei, bockte es auf, blies Wind in die Reifen, montierte eine massive Schleppstange aus NVA-Beständen an der Vorderachse und hängte seinen 38 PS-Deutz davor. Bei den ersten Schleppversuchen grub sich der Trecker in das Erdreich vor dem Wohnmobil ein. Es musste also schwereres Gerät her. Erst mit einem 100 PS-Allrad-Schlepper gelang es, den Einsiedler aus seinem Versteck zwischen den Bäumen zu ziehen. Nach 35 Jahren wurde er aus seinem mittlerweile entstandenem Sandloch gezogen und durfte noch eine letzte Ehrenrunde zum Abschied auf dem Hof drehen. Der kleine Deutz wurde erneut vor das Wohnmobil gespannt und eine abenteuerliche Fahrt begann.


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"bei uns da fährt ein Haus vorbei"

Andreas steuerte die 20 Kilometer lange Fahrt den Deutz, sein Sohn drehte so weit wie möglich am Volant des Wohnmobils. Die Fahrt ging im langsamsten Tempo vor sich, da das Gespann nur über die Bremsen des Schleppers zum Stillstand gebracht werden konnte. Besonders in Kurven schob jedoch das geschleppte Fahrzeug den Trecker vor sich her. Andreas stieß manches Stoßgebet zum Himmel aus. Er hoffte, dass die Reifen halten mögen, denn ein geplatzter Reifen hätte große Probleme bereitet. Einige Dörfer mussten durchquert werden. Dabei beobachtete eine ältere Dame, die in die Sonne vor ihr Haus gesetzt worden war, das seltsame Gespann. Animiert durch das Sattelschleppdach ging sie ins Haus und rief: „Bi uns dor fört en Hus vörbi (Bei uns fährt ein Haus vorbei)!“ Die Familie hatte Mühe, sie zu beruhigen und wertete die Aussage als Einbildung. Erst Tage später erfuhren sie, dass Andreas Distler an besagtem Tag mit seinem Spezialtransport unterwegs war und die Großmutter wurde rehabilitiert. Die Fahrt nahm ein glückliches Ende. Der heimatliche Hof wurde erreicht und das Wohnmobil abgestellt.


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der Hanomag Schleppermotor befindet sich auf der rechten Fahrzeugseite zwischen den Achsen

Dort stand es nun und wartete auf die Dinge, die da kommen werden. Hatte Andreas zunächst nur die Absicht, das einmalige Gefährt vor dem Schrotthändler und damit der sicheren Vernichtung zu bewahren, so musste er sich nun ernsthaft Gedanken machen, was aus dem Unikum werden sollte. Seine finanziellen Möglichkeiten, das Fahrzeug aufzuarbeiten, waren begrenzt. Außerdem konnte er das Wohnmobil ernsthaft im heutigen Straßenverkehr nicht bewegen. Er suchte nach einer Möglichkeit, das Gefährt irgendwie und irgendwo zu erhalten. Dabei sollte auch die Arbeit von Christoph Utech gewürdigt werden. Er hatte mit geringstem Budget und mit einfachsten Maschinen ein fahrbereites Wohnmobil gebaut, bevor derartige Fahrzeuge etabliert waren und ihren Siegeszug begannen. In der Zwischenzeit hatte hat Andi einen Käufer für das Gefährt gefunden, der es in seinem und in Utechs Sinne aufbereiten und der Nachwelt erhalten wollte. Doch daraus wurde nichts. Der Käufer und verhinderte Restaurator erlag den Versuchungen der hohen Rohstoffpreise des Jahres 2008 und schnitt das Wohnmobil kurzerhand klein. Traurig aber wahr! 

Text: Andreas Distler, Manfred Koch
Fotos: © Christoph Utech, Andreas Distler


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mit einfachsten Mitteln und Werkzeugen baute Utech den Bus zum Wohnmobil um mit einfachsten Mitteln und Werkzeugen baute Utech den Bus zum Wohnmobil um mit einfachsten Mitteln und Werkzeugen baute Utech den Bus zum Wohnmobil um mit einfachsten Mitteln und Werkzeugen baute Utech den Bus zum Wohnmobil um
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die Arbeiten wurden unter freiem Himmel durchgeführt auch die Stellmacherarbeiten führte Utech selbst durch seine Maschinen hatte Utech ebenfalls selbst hergestellt in der Mitte des Fahrzeugs ist die Öffnung für den Motor zu erkennen
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auch die Stellmacherarbeiten führte Utech selbst durch auch die Stellmacherarbeiten führte Utech selbst durch Montage der Spriegel des ursprünglichen Runddachs Montage der Spriegel des ursprünglichen Runddachs
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Utech nagelt die Dachpappe auf das Dach die Front des Wohnmobils entstand im Eigenbau Christoph Utech in Aktion über mehrere Jahre zogen sich die Arbeiten an dem Wohnmobil hin
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über mehrere Jahre zogen sich die Arbeiten an dem Wohnmobil hin Um mehr Stauraum zu bekommen baute Utech ein Spitzdach auf das Wohnmobil Um mehr Stauraum zu bekommen baute Utech ein Spitzdach auf das Wohnmobil Um mehr Stauraum zu bekommen baute Utech ein Spitzdach auf das Wohnmobil
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Fertigstellung des Spitzdachs letzte Arbeiten am Spitzdach letzte Arbeiten am Spitzdach fertig zu Abfahrt nach Marburg
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Fertigstellung der Front Weihnachten im Wohnmobil in Marburg Weihnachten im Wohnmobil in Marburg Frau Utech mit Tochter vor dem Wohnmobil
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so fand Andi Distler das Wohnmobl 2001 August 2001: auch nach 50 Jahren nur etwas Flugrost so fand Andi Distler das Wohnmobl 2001 so fand Andi Distler das Wohnmobl 2001
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so fand Andi Distler das Wohnmobl 2001 Abtransport des Wohnmobils Überführung des Wohnmobils Überführung des Wohnmobils
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Das Ende im Jahr 2008 - Fahrgestell des Gräf & Stift auf dem Weg zum Schrotthändler aus der Aufarbeitung wurde nichts - Fahrgestell des Gräf & Stift