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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016







Lastwagen Veteranen






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Verkalkte Veteranen

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der zweite REO wurde wie sein älterer Bruder verschrottet

Die Größe der landwirtschaftlichen Betriebe im Sauerland erlaubt es nicht jedem Bauern, sich einen eigenen Mähdrescher oder andere teure Bearbeitungs- und Erntemaschinen zu kaufen. Viele von ihnen haben sich daher zusammen getan und betreiben solche Maschinen gemeinsam. Andere Bauern greifen auf landwirtschaftliche Lohnunternehmen zurück, die in der Regel einen
umfangreichen Maschinenpark vorhalten. Ein solcher Lohnunternehmer ist Meindert Heikamp aus Iserlohn-Hennen. Seinen Betrieb hat er vor vielen Jahren von seinem ehemaligen Chef gekauft. Im Fuhrpark befanden sich bei der Übernahme einige für den Oldtimerfreund interessante Fahrzeuge, die heute noch im Einsatz sind.


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Henschel HS 22 HA bereit zum nächsten Einsatz auf dem Betriebshof in Hennen

Meindert Heikamp ist gelernter Landwirt. Den gebürtigen Ostfriesen verschlug es irgendwann ins sauerländische Hennen, einem Ortsteil von Iserlohn. Bei dem erwähnten Lohnunternehmer fand er eine Anstellung. Schon damals wurden den Bauern Arbeiten wie das Legen von Mais, das Aufsprühen von Pflanzenschutzmitteln, der Einsatz von Ladewagen, das Mähdreschen, das Mais häckseln, Kalk streuen, Zuckerrüben roden, Mais dreschen, Holz schreddern  und Mulchen angeboten. Im Jahr 1965 wurde ein Fahrzeug benötigt, das bei den umliegenden Landwirten für das Kalken der Felder eingesetzt werden konnte. Aus Beständen der amerikanischen Armee wurde ein REO gekauft. Dieses 1950 gebaute Fahrzeug soll bereits in Korea eingesetzt worden sein. Seine alten Tage verbrachte es auf den holprigen Feldern der sauerländer Bauern.


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HS 22 HA beim Beladen im Kalkwerk in Lendringsen

Mit einem selbstgebauten Kalkbehälter und entsprechenden abklappbaren Streuvorrichtungen versehen, war der REO nur einige Wochen pro Jahr im Einsatz. Den Rest des Jahres stand das Fahrzeug in der Maschinenhalle in Hennen. Grundsätzlich bewährte sich der LKW, dessen Originalmotor später einem 125 PS-Henschel-Motor weichen musste. Das Fassungsvermögen des Aufbaus und die Tragfähigkeit waren jedoch irgendwann nicht mehr ausreichend. Ein größeres Fahrzeug wurde zusätzlich beschafft - ebenfalls ein REO. Diese beiden Kriegsveteranen wurden aus Altersschwäche irgendwann verschrottet und durch einen modernen Henschel HS 22 HA ersetzt, der über einen 192 PS-Motor verfügte. Dieser Henschel ist heute noch im Einsatz und kann von Spätsommer bis Herbst in und um Iserlohn beim Kalken beobachtet werden.


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HS 22 HA im Einsatz auf einem Feld in Hennen

Zu dem Henschel wurde im Jahr 1972 ein Mercedes-Benz LG 315 gekauft. Auch dieses Fahrzeug wurde mit einem Kalkaufbau und -streuer versehen und unterstützte den Henschel beim Kalken. Ein dritter, aus Bundeswehrbeständen stammender LKW wurde einige Jahre später beschafft. Dabei handelte es sich um einen dreiachsigen Faun L 912/45 A mit 27 to Gesamtgewicht, der 1960, damals noch mit Faltverdeck, an die junge deutsche Bundeswehr geliefert worden war. Der luftgekühlte Deutz-Motor bewährte sich in diesem Fahrzeug nicht. Der verstreute Kalk machte dem Motor schwer zu schaffen, so dass Heikamp sich entschloss, einen 230 PS-Henschel-Motor des Typs 6 R 1315-230 523 in den Faun zu verpflanzen. Der Kühler, der ebenfalls mit eingebaut werden musste, passte nicht unter die serienmäßige Motorhaube. So wurde kurzerhand die Frontmaske des Faun entfernt, ein Kühler eingebaut und mit einem selbstgefertigten Schutz versehen. Der LKW sieht nun nicht mehr so schön aus wie er ab Werk geliefert worden ist. Da er jedoch schon seit vielen Jahren in diesem Outfit im Einsatz ist, kann er sicherlich inzwischen auch als Original bezeichnet werden.


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Traumjob: Martin Viehweger darf den unhandlichen Faun fahren

Im Spätsommer 1994 gab es die Gelegenheit, Faun und Henschel im aktiven Einsatz zu beobachten. In der Kalksaison waren beide Fahrzeuge mehrere Wochen lang den gesamten Tag unterwegs. Der dritte im Bunde, der Mercedes, stand als Ersatzfahrzeug bereit, kam aber schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Einsatz. Von der Maschinenhalle in Hennen ging es zu den Feldern der Bauern, die entsprechende Aufträge an Heikamp erteilt hatten. Das Fahren auf den Straßen mit den für das Gelände ausgelegten Reifen ging dabei nicht so schnell, wie es sich einige Zeitgenossen vorstellten. Andere LKW-Fahrer, die hinter den Kalk-Lastern fahren mussten, waren oft ungeduldig, da sie wertvolle Sekunden hinter Heikamps Boliden verloren. Auf dem Feld angekommen wurden die Kalkstreuer ausgeklappt und die Absperrungen der Kalkbehälter geöffnet. Der Behälter des Henschel fasste 10 bis 11 to Kalk. Nach einem ausgeklügelten System wurden die Felder so abgefahren, dass kein Quadratmeter ungekalkt blieb. Selten reichte eine Kalk-Ladung für ein ganzes Feld. Also mussten die LKW zwischendurch immer wieder einmal zum Kalkwerk nach Menden-Lendringsen fahren, um dort Nachschub zu bunkern. Durch den verstreuten Kalk befand sich ständig eine weiße Wolke um die LKW. Die Fahrzeuge hatten daher immer eine grauweiße Kalkschicht auf dem Lack. Es lohnte sich nicht, diese Schicht abzuwaschen. Lediglich die Beleuchtungselemente und die Scheiben wurden nach jedem Einsatz gesäubert.


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staubige Angelegenheit - HS 22 HA im Einsatz

Nicht jeder Einsatz der Kalklaster verlief wie geplant. In den sauerländer Bergen gab es so manches Feld, das sich zum Teil an sehr steilen Hängen befand. Für diese Gegend waren die allradgetriebenen Fahrzeuge zumeist ausreichend. 1993 jedoch musste der Faun eine Pferdewiese in der Gegend um Altena befahren. Während des Kalkens fuhr sich der Fahrer des Faun Martin Viehweger fest und kam nicht mehr frei. Jeder Versuch, den Wagen aus eigener Kraft wieder auf festen Boden zu bringen, scheiterte und verschlechterte die Lage noch. Zum Glück übte die belgische Armee in der Nähe für den Ernstfall. Mit einem Bergepanzer wurde der Faun aus seiner misslichen Lage befreit.


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HS 22 HA im Einsatz

Meindert Heikamp hält auch in Zukunft fest an seinen Oldtimern, die er jedoch gar nicht als solche sieht. Die Wagen sind für ihn Gebrauchsgegenstände, die nur wenige Wochen im Jahr im Betrieb sind. Sie werden wohl auch noch weitere Jahre für ihn unentbehrlich sein. Natürlich träumt auch er von modernen Lastern. So könnte er sich schon vorstellen, einen vierachsigen Mercedes entsprechend umzubauen. Doch das ist im Moment noch kein ernst zu nehmendes Thema für ihn. Auch die Ersatzteilversorgung macht ihm noch keine Probleme. Einige Ersatzmotore hat er noch eingelagert. So werden wir auch weiterhin im Herbst in und um Iserlohn die verkalkten Veteranen auf den abgeernteten Feldern im Einsatz bewundern können.

Text:    Manfred Koch
Fotos:    © Manfred Koch und Archiv Heikamp

Fast alle Fotos dieses Berichtes können auch als Papierabzug im Format 13 x 18 cm zum Stückpreis von € 2,-- zuzüglich Porto- und Versandkosten bestellt werden bei powalski@freenet.de.


Weitere Bilder:
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Ansicht auf das Heck des HS 22 HA mit den hochgeklappten Kalkstreuern HS 22 HA beim Kalk bunkern in Lendringsen HS 22 HA beim Kalk bunkern in Lendringsen auf dem Weg vom Kalkwerk zum nächsten Acker
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Henschel HS 22 HA bereit zum nächsten Einsatz auf dem Betriebshof in Hennen HS 22 HA beim Kalk bunkern in Lendringsen HS 22 HA beim Kalk bunkern in Lendringsen HS 22 HA beim Kalk bunkern in Lendringsen
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Ausklappen der Streuer auf dem Feld Vorbereitung auf dem Feld Henschel in voller Fahrt Henschel in voller Fahrt
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HS 22 HA im Einsatz HS 22 HA im Einsatz Mercedes-Benz LG 315 in Hennen soll verkauft werden: Mercedes-Benz LG 315
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HS 22 HA im Einsatz HS 22 HA im Einsatz mit Selbstbaufront: Faun L 912/45 A von 1960 Faun mit 230 PS-Henschel-Motor
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Faun am 22.08.1994 in Iserlohn-Hennen Faun mit Selbstbaukabine und Pseudo-Klimaanlage nicht wirklich schön - Front des Faun Original - Pedal des Faun
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HS 22 HA beim Kalk-Bunkern in Lendringsen HS 22 HA beim Kalk-Bunkern in Lendringsen Henschel im Einsatz auf einem Feld in Hennen Henschel im Einsatz auf einem Feld in Hennen