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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Ein nachhaltiges Kindheitserlebnis

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Hanomag L 28 der ersten Bauserie mit hinten angeschlagenen Türen auf dem Kohlenplatz in Altena

Irgendwie hatte ich mir die Reaktion meiner Mutter auf mein Zeugnis an diesem 23. Oktober  1965 etwas anders vorgestellt. Sie war nicht zufrieden mit den beiden Dreiern in Musik und im Fach Schreiben. Als ich nach dem Mittagessen - die Schule war wegen der Zeugnissausgabe früh aus und Hausaufgaben gab es nicht - mein Fahrrad aus dem Keller holte, war für mich klar, dass ich mich an diesem Tag erst einmal etwas rar machen wollte. Mein Vater kam in der Regel um halb drei von seiner Schicht. Sein Donnerwetter wollte ich mir nicht auch noch anhören. Also setzte ich mich auf mein Rad und fuhr zunächst die mir bekannten Strassen in meiner Heimatstadt Werdohl ab. Immer größer wurden die Kreise, die ich um das Sechsfamilienhaus drehte, in dem unsere Familie seit meinem 9. Geburtstag im Mai des Jahres wohnte.


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Hanomag L 28 mit Selbstmördertüren und Aufsatztank beim Liefern von Heizöl

Irgendwann erreichte ich die Peripherie des Städtchens und fand mich auf der Bundesstrasse B 236 nach Altena wieder. Neugierig geworden wollte ich erst einmal erkunden, wohin diese Strasse führt. Nach gut einem Kilometer erreichte ich den mir bis dahin unbekannten Vorort Ütterlingsen. Das zu dieser Jahreszeit geschlossene Freibad erregte mein Interesse. Auch das gemauerte Eisenbahnviadukt am Ortsausgang von Ütterlingsen musste ich mir ansehen. Weiter ging es auf meinem 24er Knabenrad entlang der auch damals schon viel befahrenen Bundesstrasse in Richtung Altena. Etwa zwei Kilometer weiter war meine Begeisterung dann riesengroß. Ein ausgedehnter Schrottplatz tat sich vor mir auf. Fast die gesamte Fläche des heutigen Gewerbegebietes Werdohl-Dresel war vom Schrotthändler Vogt zugestellt worden mit ausrangierten PKW. Auch einige alte Lastwagen waren dort abgestellt. Wachhunde gab es nicht, so das ich erst einmal den Platz näher in Augenschein nahm. Mehr als eine Stunde kroch ich zwischen den abgestellten und zum Teil bereits ausgeschlachteten VW Käfern, Opel Rekord, Ford Taunus mit Weltkugel usw. herum. Einige auf dem Boden liegende Kleinteile wie z. B. eine alte Motorradbrille und das 1200er Embleme eines Käfers nahm ich ans Andenken mit. Das plötzliche Auftauchen von zwei Arbeitern auf dem Platz trieb mich dann weiter.


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Hanomag L 28 der ersten Serie auf der Ladestrasse des Altenaer Bahnhofs

Das benachbarte Betonwerk der Firma Arthur Schweizer war ebenfalls hochinteressant. Mit "Wiking-geschultem" Blick stellte ich fest, dass dort zwei zweiachsige Magirus-Deutz Eckhauber und ein Rundhauber mit Betonmischeraufbauten abgestellt waren. Ein mit Fertigbeton befüllter Rundhauber-Mercedes verließ soeben den Platz unter dem Silo und machte dort einem dreiachsigen Krupp Frontlenker Platz. Das Treiben auf dem Gelände des Fertigbetonwerks war natürlich auch sehr interessant. Eine innere Unruhe trieb mich jedoch weiter. Das längste Stück der Strecke lag noch vor mir, ohne dass mir dies zu diesem Zeitpunkt klar war.  Ich fuhr weiter auf der Bundesstrasse, die hier parallel zur Lenne verlief vorbei am Kraftwerk in Elverlingsen nach Altena. Nach etwa acht Kilometern anstrengender Fahrt ohne Gangschaltung erreichte ich die ersten Häuser von Altena. Eigentlich war es schon lange Zeit, einfach umzudrehen, um einigermaßen pünktlich wieder zuhause zu sein. Doch die Neugierde und der vermeintliche Ärger trieb mich weiter. Über die Steinerne Brücke, die den Fluss Lenne am Ortseingang von Altena überquert, kam ich zur Lüdenscheider Strasse. Dort musste ich mir zunächst einmal einen "Mini-Tunnel" ansehen, durch den die Kreis-Altenaer-Eisenbahn bis 1961 mit ihren schmalspurigen und dampflokbespannten Personen- und Güterzügen fuhr. Hier war es angebracht, auf dem Gehweg zu fahren. Für Radfahrer war auf der schmalen und von vielen interessanten LKW befahrenen Strasse kein Platz. Entlang der Bahnstrecke von Werdohl nach Altena gelangte ich vorbei an der Schrankenanlage an der Großen Brücke zum Bahnhof.


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Büssing-NAG 5000 S, der 1960 gebraucht beschaffte Stückgutwagen

Dem Personenbahnhof folgte der Güterbahnhof, der mich sofort voll in seinen Bann zog. Hier wurden LKW an die Rampe rangiert, andere verließen das Bahnhofsgelände, um wieder anderen dort Platz zu machen. Ein Fuchs-Kran mit erhöhtem Fahrerhaus lud Drahtrollen von LKW in Güterwagen der Bundesbahn um. Immer von dem Gedanken geplagt, dass ich eigentlich schon wieder auf dem Heimweg sein sollte, blieb ich fasziniert stehen und sah mir das geschäftige Treiben an. Am Ende des Güterschuppens befand sich das Kohlenlager der Firma Hermann Bauer KG. Von einem Güterwagen wurde lose Kohle mit Hilfe eines Förderbandes auf einen bereit stehenden 2,5 to Hanomag L 28-Kipper umgeladen. Daneben war ein Mitarbeiter der Firma damit beschäftigt, lose Kohle in Säcke abzufüllen. Dazu schaufelte er die Kohle in eine Schütte, die mit einer Waage kombiniert war. War ein Zentner Kohle in der Schütte, so wurde ein Sack angehängt, die Schütte gekippt und der Mitarbeiter verlud den zentnerschweren Sack auf einem weiteren L 28 mit festen Pritschenaufbau. Das Büro der Firma lag auf der anderen Straßenseite. Neben dem Büro und Wohnhaus befand sich ein Schuppen, in dem ein dritter Hanomag L 28 stand. Er verfügte über einen Aufsatztank und stand bereit zur Auslieferung von Heizöl, das im Laufe der folgenden Jahre die Kohle komplett ablösen sollte. Doch 1965 war die Welt für den Kohlenhändler Bauer noch in Ordnung.


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Hanomag L 28 vor dem Büro im Haus Bahnhofstrasse 65

Damals wusste ich noch nicht, dass Peter Wilhelm Bauer, der von 1803 bis 1880 lebte, im Jahr 1833 in Altena den Grundstein des Unternehmens gelegt hatte. Er gründete ein Transportgeschäft, zu dessen Blütezeit bis zu 29 Pferde in den Stallungen standen. Bauer führte Transporte durch, die ihn selbst bis nach Köln und Aachen führten. Mit dem Bau der Ruhr-Sieg-Eisenbahnstrecke in den Sechziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts entfiel die Notwendigkeit solcher Ferntransporte auf der Strasse. Als Ersatz dafür entwickelte sich ein lebhafter Verkehr zwischen dem Güterbahnhof und den Industriebetrieben in und um Altena. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch der Kohlenhandel aufgenommen. 1870 übernahmen die Söhne Arnold und Hermann das Geschäft vom Vater. Nach dem Tode Arnolds erfolgte die Aufteilung des Unternehmens. Die Firma Hermann Bauer betrieb weiterhin den Kohlenhandel und ergänzte das Geschäft um den Transport von Möbeln und Stückgut. 1902 trat Dietrich-Hermann Bauer (1873 - 1957) die Nachfolge seines Vaters an. Die Wirren des Ersten Weltkrieges und der allgemeine wirtschaftliche Niedergang bremsten zwar die Aktivitäten der Firma, konnten aber letztendlich die Expansion nicht aufhalten. Mitte der Dreißiger Jahre begann dann die Umstellung des Fuhrbetriebs auf Lastkraftwagen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 übernahm Hermann Bauer (1903 - 1971) das Geschäft. Da der Speditionsbetrieb mit Lastkraftwagen unrentabel war, wurde er komplett eingestellt. Der Kohleneinzelhandel konnte jedoch kräftig ausgebaut werden. Die Brennstoffe wurden von den Zechen über die Bahn mit Spezial-Waggons nach Altena gefahren und dort mit entsprechendem Gerät entladen.


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Wassergekühlter Magirus-Deutz S 3000 für den Transport größerer Mengen Kohle

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dann auch wieder Lastwagen bei Bauer zum Einsatz. Der Umschlag der Brennstoffe in Säcke erfolgte nun mit Hilfe einer modernen Kohlen-Silo- und Absackanlage neuester Technik mit Siebeinrichtung. Als Fahrzeuge waren in der Folgezeit hauptsächlich Laster der Marke Hanomag für Bauer unterwegs. Dem gleich in mehreren Exemplaren vorhandenen Typ L 28 folgten dann später einige Hanomag Markant und F-Modelle, die wiederum von Mercedes-Frontlenkern der Typen LP 813 etc. abgelöst wurden. Für den Transport größerer Mengen Kohle wurde zu Anfang der Fünfziger Jahre ein Magirus-Deutz mit wassergekühltem Motor eingesetzt.


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2,5 to Hanomag L 28 beim Umladen der Kohle von DB-Waggons in Altena

Mit dem Aufkommen von Ölheizungen wurde auch der Bereich Heizölhandel in das Geschäft eingegliedert und beständig ausgebaut. Als weitere Sparte wurde die bahnamtliche Rollfuhr aufgenommen. Die meterspurige Iserlohner Kreisbahn, die jahrzehntelang die Industrie im Nettetal bediente, wurde immer mehr zum Verkehrshindernis, lagen die Gleise doch im Strassenplanum. Der Stückgutverkehr wurde deshalb auf LKW umgestellt. Bauer übernahm die Rollfuhr für den Ortsteil Altena-Dahle. Dazu wurde ein gebrauchter LKW als Stückgutwagen beschafft. Bauer kaufte von der Spedition Thöne aus Herdecke ein bereits betagten Büssing-NAG 5000 S. In den Papieren des 107 PS starken Lasters war als Erstzulassungstag der 24.11.1947 eingetragen. Die Nutzlast des am 25.07.1960 bei Bauer zugelassenen Wagens betrug 4,75 to. Später wurde auch der Stückgutverkehr der Kreis-Altenaer-Eisenbahn übernommen, die das Rahmedetal nach Lüdenscheid bediente. Bauer war nun für alle Ortsteile von Altena als bahnamtlicher Rollfuhrunternehmer zuständig. 1971 trat der älteste Sohn von Hermann in die Geschäftsführung der Firma ein. Traditionsgemäß hieß auch er Hermann. Er hatte bereits seit 1965 im Unternehmen gearbeitet. 1982 trennte sich Hermann von einem Teilhaber und das bis dahin als KG firmierende Unternehmen wurde fortan als GmbH weitergeführt. Die Sparte feste Brennstoffe war zu der Zeit bereits rückläufig. Der Heizölhandel konnte jedoch forciert werden. Außerdem wurde die bahnamtliche Rollfuhr ausgeweitet. Zuletzt wurden die Bereiche Altena, Nachrodt-Wiblingwerde, Plettenberg, Herscheid und Lüdenscheid bedient. Nach dem Übergang der bahnamtlichen Rollfuhr von der DB auf die Firma Bahntrans GmbH wurde diese Sparte jedoch unrentabel und im September 1998 völlig aufgegeben. Bauer konzentrierte sich fortan auf den Heizölhandel und baute parallel dazu einen Speditionsbetrieb auf, der sich mit anspruchsvollen Transportdienstleistungen befasst.


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Mercedes-Benz LPK 813 im September 1985

Diese Entwicklung war im Oktober 1965 noch Zukunft. Für mich prägten sich jedoch die interessanten Kohlenkipper ins Gedächtnis ein. So war es wohl auch kein Zufall, dass ich 1980 nach meiner Heirat eine Wohnung im Hause Bahnhofstrasse 65 in Altena bezog, dem Haus, in dem sich das Büro der Firma Kohlen Bauer befand und das gegenüber dem Altenaer Güterbahnhof liegt. Meine Wohnung hatte natürlich Fenster zum Kohlenplatz der Firma Bauer und zum Güterschuppen der Bahn. Dort tummelten sich mittlerweile Fahrzeuge der Spedition Schenker und natürlich die Stückgutwagen, die ihre Sendungen bei der DB ablieferten. Auch das ist heute bereits wieder Geschichte. Der Güterbahnhof ist abgerissen worden und auf dem Grundstück steht heute ein Aldi-Markt. Vierzig Jahre nach meinem damaligen ersten Kontakt zur Firma Bauer habe ich es vor einigen Wochen endlich einmal geschafft, mit Herrn Bauer  Kontakt aufzunehmen. Er stellte mir daraufhin die Fotos dieses Artikels und einige Informationen zu seinem Unternehmen zur Verfügung.

Text:    Manfred Koch
Fotos © Archiv Bauer


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leicht verdöllmerter Hanomag L 28 Hanomag L 28 mit dem Bockkran der DB in Altena im Hintergrund Hanomag L 28 vor den Häusern der Altenaer Bahnhofstrasse Magirus-Deutz S 3000 Kipper auf der Ladestrasse
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Magirus-Deutz S 3000 auf großer Fahrt Magirus-Deutz S 3000 Kipper gut ausgeladen Hanomag Markant mit festem Pritschenaufbau Februar 1963 - Hanomag L 28 mit Heizöltank erklimmt die Höhen um Altena mit Hilfe von Zweigen, die unter die Räder gelegt werden
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Schneeketten wären sinnvoller gewesen als die Zweige der Herr links im Mantel scheint der Kunde zu sein, der auf sein Heizöl wartet der schwere 2,5 to Hanomag L 28 beladen mit Kohlensäcken Hanomag L 28 Kipper - fertig zur Abfahrt zu den Kohlen-Kunden
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L 28 unterwegs auf den verschneiten Straßen Altenas Der Dahler Stückgutwagen: Büssing-NAG 5000 S nächtlicher Abstellplatz des 105er unter dem Schleppdach des Güterschuppens Routine für den Nahverkehrs-Fahrer: Rangieren an die Rampe des Güterbahnhofs
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Ob der schmächtige L 28 seinen Kollegen aus dem Graben gezogen hat, ist nicht überliefert Mercedes-Benz LP 808 mit Tankwagenaufbau von Esterer 18.09.1986 - Beim Bremsen aufgeschaukelt und aufs Dach gelegt: Iveco Magirus 130-9 mit Einkammer-Tank Mercedes-Benz LPK 813 bei der Abholung von Kohlen
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Mercedes-Benz LP 1113 in den Farben der DB etwa 1985 setzte Bauer diesen Mercedes-Benz L 508 ein auch schon Geschichte: Mercedes-Benz LP 814 in den Farben der DB am 16.10.1995 in Plettenberg die Neuzeit: Mercedes-Benz L 1828 Atego mit Aufbau der Firma Pielhau am 30.08.2003 in Altena