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Fahrtenschreiber Ausgabe 02-2016












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Abgefahren!

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Der Ruhrschnellweg, die heutige A 40 in Essen als Tiefstrasse - Foto Jürgen Hoffmann (c) LVR-Rheinisches Industriemuseum

Täglich bewegen wir uns ganz selbstverständlich auf Straßen und Wegen, fahren mit dem Auto zur Arbeit, zum Einkaufen oder in den Urlaub. Dabei empfinden wir es als vollkommen normal, dass sich die Verkehrswege, die wir benutzen, immer in einem einwandfreien Zustand befinden. Unsere heutigen Qualitätsstandards im Bereich Straßenbau waren jedoch nicht immer auf diesem hohen Niveau. Mit der Entwicklung der Strassen und damit auch des Straßenbaus speziell im Rheinland beschäftigt sich eine Sonderausstellung des Rheinischen Industriemuseums in Oberhausen. Unter dem Titel „ABGEFAHREN!“ wird die Geschichte des Straßenbaus im Rheinland dokumentiert.


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Ruthemeyer Dampfstraßenwalze - eine Leihgabe der Strabag AG, Köln

Straße hautnah und garantiert ohne Stau können die Besucher auf einer Ausstellungsfläche von insgesamt 3.500 qm genießen. Die „Ausstellungsstrecke“ auf dem großen Freigelände vor dem Peter Behrens-Bau führt über ein nach gebautes historisches Chausseestück und holpriges Kopfsteinpflaster. Rechts und links der Straße locken imposante „Dinosaurier“ des Straßenbaus: Eine Pferdewalze von 1888 steht für den Chausseebau des 19. Jahrhunderts mit Hand und Pferdekraft. Ein Menck & Hambrock Seilzugbagger von 1938 und eine Klöckner-Humboldt-Deutz-Dieselplanierraupe aus der Sammlung von Paul Christian Unschuld sind Zeugen einer zunehmenden Mechanisierung im Straßenbau der 1930er bis 1950er Jahre. Auch ein Schmuckstück des Dampfzeitalters ist ausgestellt: Eine Ruthemeyer Dampfstraßenwalze mit der No. 648 wird präsentiert. Die Maschine wurde 1929 in Soest zunächst als Lokomobile gebaut und an die Strabag AG in Köln geliefert. Später erfolgte der Umbau von der mobilen Dampfmaschine zur Straßenwalze. Dabei erhielt sie die mit zusätzlichen Gewichten beschwerten Walzenräder. Mit einem Gewicht von ca. 10 to ist sie für eine Dampfstraßenwalze eher ein Leichtgewicht. Solche Maschinen rumpelten noch bis weit in die 1950er Jahre über unsere Straßen. Fast zeitlos ist die kleine, eher unscheinbare Teerspritze, die ursprünglich von Pferden gezogen wurde. Mit diesem Fahrzeug wurde ohne Beheizung Kaltasphalt bzw. Teer oder Bitumenmaterial verspritzt, auf das dann anschließend per Schippe Splitt ausgebracht wurde. Die "Kessel" im Gerät sind lediglich Druckbehälter. Über einen Kompressor wurde das Spritzmaterial unter Druck gesetzt. Bei der ausgestellten Spritze handelt es sich übrigens um ein recyceltes Stück "Militärschrott". Vermutlich ist diese Teerspritze nach 1918 auf eine Geschützlafette aus dem 1. Weltkrieg aufgebaut worden und danach noch mehrfach umgebaut worden. Das größte Exponat erwartet den Besucher jedoch am Eingang zum Ausstellungsraum. Der Gussasphaltfertiger von 1970 stellte drei Autobahnspuren in einem Rutsch her.


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Aus den frühen 1950er Jahren stammt diese KHD-Dieselplanierraupe aus der Sammlung von Paul Christian Unschuld aus Bad Aachen

Weitere Stationen im Peter Behrens-Bau zeigen, was Industrie, Automobil und Straßenbau miteinander verbindet, die Alltagskultur rund um die Strasse, Lebens- und Arbeitsbedingungen von Strassenbauern und -wärtern. So zeigt eine Einstellungsvorschrift von 1834, dass im Strassenwärterberuf immer schon gescheite Leute gefragt waren. Dort liest man:  Zur Anstellung seien nur „rüstige und thätige Leute, welche schreiben können, zuzulassen“. Ebenfalls nicht auf der Strecke bleiben: die Strasse in der Bildenden Kunst und Strasse als spektakulärer Gegenstand zahlreicher öffentlicher Diskussionen. Denn die Geschichte des Strassenbaus spiegelt ganz entscheidende Phasen der Demokratie- und Umweltgeschichte wider. In der Entstehung der Bürgerinitiativ-Bewegung spielten Proteste gegen Strassenbaupläne stets eine zentrale Rolle. ABGEFAHREN! zeigt Strassen als ein Ergebnis von häufig kontroversen Aushandlungen inmitten unserer Gesellschaft: Strassen werden so vehement gefordert, wie sie bekämpft werden.


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O & K Dieselwalze aus den 1950er Jahren

Beim Peter Behrens-Bau handelt es sich übrigens um das vormalige Zentralmagazin der Gutehoffnungshütte und das heutige Depot des Rheinischen Industriemuseums (RIM). Es beherbergt die Sammlungsbestände aller sechs Schauplätze des RIM. Der berühmte Architekt und Industriedesigner Peter Behrens entwarf das bedeutende Industriedenkmal in den 1920er Jahren als Lagerhaus. Das Erdgeschoss und die oberste Etage sind im Rahmen der Öffnungszeiten für Besichtigungen zugänglich. Das Gebäude befindet sich in Oberhausen an der Essener Strasse 80 (Nähe Centro). Die Sonderausstellung ist vom 25.09.2005 bis zum 28.05.2006 zu besichtigen. Geöffnet ist sie Samstags und Sonntags von 10 – 17 Uhr, nach Anmeldung auch an Werktagen. Sie bleibt am Heiligabend, 25. Dezember, Silvester und  Neujahr geschlossen. Am Ostersonntag ist sie geöffnet. Der Eintritt beträgt € 3; ermäßigt € 2,50; Kombikarte € 6 (Sonder- u. Dauerausstellung Schwer.Industrie); Familienkarte: € 6, Gruppenführungen: € 30. Der Ausstellungskatalog ist für € 6,95 erhältlich. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.rim.lvr.de. Mit dem ÖPNV zu erreichen ist das Museum ab Oberhausen Hbf mit dem Bus Nr. 185 und 122 (Haltestelle Oberhausen TZU). Mit dem Auto führt der Weg von der A 42 Ausfahrt Oberhausen-Zentrum weiter über die Mülheimer Straße zur Essener Straße. 


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Krupp Ardelt 10 to Autokran auf Faun-Fahrgestell von 1961

Im Rahmen der Ausstellung „Abgefahren“ gab es weitere Veranstaltungen. So wurde u. a. unter  dem Motto "Dampf, Ruß und Sensationen" am 7. Mai 2006 die "Lirich Slow Moving Competition" ausgerichtet, zu der den Veranstaltern kein deutscher Name eingefallen war. An diesem Sonntag ließ das Rheinische Industriemuseum in Oberhausen-Lirich gewaltig Dampf ab. Drei historische Straßendampfwalzen sollten fauchend an den Start rumpeln zum Rennen am Peter Behrens-Bau an der Essener Strasse 80. Das Dampfwalzen-Geschicklichkeitsrennen trug zu Ehren seiner etwas verrückten britischen Erfinder den englischen Namen "Lirich Slow Moving Competition". Ebenfalls britischen Ursprungs war der "Beer in the Bucket"-Wettbewerb im Anschluss. Zwischen zwei Dampfwalzen wurden Seile mit einem Eimer besten regionalen Bieres gespannt, der dann möglichst verlustfrei das Ziel erreichen sollte. In der Ankündigung hieß es, dass die drei letzten fahrbereiten Dampfwalzen aus dem Rheinland an dem Tag nicht die einzige Attraktion sein sollten. Die älteste der Maschinen gab jedoch schon vor dem Start den Geist auf und konnte nicht am Rennen teilnehmen. Natürlich war auch die Sonderausstellung "Abgefahren" geöffnet. Zur Abrundung reisten historische Nutzfahrzeuge mit Bezug zum Straßenbau sowie einige PKW-Oldtimer aus dem letzten Jahrhundert an. Auch Familien waren an diesem Tag willkommen. Natürlich war für Essen und Trinken gesorgt. Daneben gab es auch spezielle Angebote für Kinder.


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Eine der drei Teilnehmerinnen am Langsamfahr-Wettbewerb in der Trainingsphase

An den Start gingen nach dem Ausfall der ältesten Maschine, einer 1896 bei Fowler gebauten Dampfstraßenwalze, die auf den Namen "Emmi" hört, zwei Ruthemeyer-Maschinen. Beide Walzen wurden von Erhard Beloch aus Mülheim restauriert. Die dunkelmaron lackierte Ruthemeyer Nr. 42 wurde 1906 im westfälischen Soest gebaut und war bis 1963 im aktiven Einsatz. 1987 wurde sie in Mülheim im Auftrag der Firma Deutag, einer Tochterfirma der Strabag  restauriert. Sie erbringt eine Leistung von ca. 48 PS, wird mit Steinkohle befeuert und hat ein Leergewicht von 17 to. In Oberhausen stand Jürgen Hümke am Regler. Die zweite Maschine, die Teerbau Lilian wurde ebenfalls in Soest bei Ruthemeyer gebaut. Gefahren wurde sie von ihrem Restaurator Erhard Beloch persönlich. Hümke und Beloch führten dem staunenden Publikum vor, wie eine Dampfwalze langsam bewegt werden kann. Auf einer Strecke von 15 Metern mussten die Maschinen so langsam wie möglich fahren, ohne stehen zu bleiben. Hielt eine Walze dennoch an, so musste sie um drei Meter vorgezogen werden. Wer zuletzt ins Ziel kam, hatte das Rennen gewonnen. Erhard Beloch erklärte den wirklich Interessierten, wie es zu diesem Wettbewerb gekommen war. Die Tradition dieser Rennen entstand in Groß-Britannien. Dort gab es im letzten Jahrhundert immer wieder Wettfahrten zwischen Dampfwalzen. Das schnelle Fahren tat jedoch den empfindlichen Maschinen nicht gut. Manch eine Dampfmaschine kam bei den Rennen zu Schaden. So kamen die findigen Briten auf den Gedanken, die Vorzeichen des Wettkampfes einfach umzukehren und einen Langsamfahrwettbewerb daraus zu machen.


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Ruthemeyer Dampfstrassenwalze von 1906 vor dem Peter-Behrens-Bau

Den nach Angaben der Organisatoren etwa dreitausend Besuchern der Veranstaltung gefiel der Wettstreit der Dampfboliden, obwohl der aufmerksame Beobachter eher das Gefühl hatte, dass die wenigsten Gäste den Unterschied zwischen einer Dampfstraßenwalze und einer Dieselwalze erkannt hätten. Sie ließen auch die wenig passende Musik anstandslos über sich ergehen, die pausenlos aus den Lautsprechern dudelte. Beim Beobachten des wie ein Gockel umherstolzierenden Moderators, der jedem mittelmäßigen privaten Radiosender zur Ehre gereicht hätte, und der mit seinem verbal überhöhten und wenig informativen Dahergerede die Nerven der Besucher unnötig strapazierte und sich selbst gerne reden hörte wünschte sich manch ein Besucher nach England, der Geburtsstätte solcher Veranstaltungen. Dort wäre eine solche Moderation sicherlich viel schlichter und ruhiger, dafür aber fachkundiger abgelaufen. Auch die nervigen Fernsehteams sowie die lokalen Rundfunkreporter und Pressevertreter, die im Dutzend angetreten waren, nahmen keine Rücksicht auf das Publikum, sondern hätten sich gerne auch noch unter die fahrenden Dampfstrassenwalzen gelegt, um dort noch spektakulärere Aufnahmen machen zu können. Doch den Museumsmachern ging es anscheinend nicht darum, einige wenige fachkundige Besucher zufrieden zu stellen. Es hatte eher den Anschein, dass hier eine auf Kommerz ausgerichtete Veranstaltung aufgezogen werden sollte, bei der es in der Hauptsache darum ging, möglichst viele Besucher anzulocken. Schade! Der Ansatz der Veranstaltung war durchaus brauchbar. Das Resultat war nur mittelmäßig.


Text: Manfred Koch
Fotos: Manfred Koch, Archiv Rheinisches Industriemuseum


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Menck & Hambrock Seilzugbagger vor der imposanten Kulisse des Peter Behrens-Baus Menck & Hambrock Seilzugbagger vor der imposanten Kulisse des Peter Behrens-Baus Pferdewalze von 1888 - hergestellt von der Alfelder Carlshütte Wurde als Lokomobile gebaut und erst später zur Dampfstraßenwalze umfunktioniert - Ruthemeyer Dampfstraßenwalze von 1929
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KHD-Dieselplanierraupe aus den 1950er Jahren Faun mit Meiller-Mulde aus den Fundus von Paul Christian Unschuld Blick über das 3.500 qm große Freigelände Linnhoff Schwarzdeckenfertiger von 1955
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Faun mit Meiller-Mulde aus den Fundus von Paul Christian Unschuld Krupp Ardelt 10 to Autokran auf Faun-Fahrgestell von 1961 aus dem Bestand des Deutschen Straßenmuseums Germersheim Blick über das 3.500 qm große Freigelände Blick über das 3.500 qm große Freigelände
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Fabrikschild des Krupp-Krans Zettelmeyer Radlader Typ L 50 von 1961 - besser bekannt als "Ohrenabschneider" oder "Witwenmacher" Selbstfahrender Splittstreuer, 1964 von Pietsch gebaut Baustellenutensilien aus den 1950er und 1960er Jahren
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war auf jeder Straßenbaustelle vertreten - Teerspritze Dieselstraßenwalze vor Bauwagen Straßenmeistereifahrzeuge aus den 1980er Jahren Dreirädrige Kehrmaschine Baumuster "Mokema" mit 15 PS Deutz-Motor F 1 L 614 mit 1.330 ccm Hubraum von 1952
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Ladeband zu einer Bankettfräse mit 25 PS VW-Industriemotor Auch schon 20 Jahre alt - Unimog Geräteträger mit Mähausrüstung Gussasphaltfertiger von 1970, der drei Autobahnspuren gleichzeitig herstellen konnte Faun mit Meiller-Mulde aus den Fundus von Paul Christian Unschuld
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typisch für Großbaustellen in den Fünfzigern - Feldbahn mit Loren Gesamtansicht des Ausstellungsgeländes Menck & Hambrock vor dem Paul Behrens-Bau Gesamtansicht des Ausstellungsgeländes
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Linnhoff Strassenkehrmaschine Linnhoff Strassenkehrmaschine Strassenbauarbeiter am Teerkocher um 1920 - Foto Paul John (c) LVR-Rheinisches Industriemuseum Der Ruhrschnellweg in den Sechziger Jahren - (C) KVR/RIM
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Große Verkehrstafel der Autobahnmeisterei Remscheid - Foto Jürgen Hoffmann (c) LVR-Rheinisches Industriemuseum Linnhoff Schwarzdeckenfertiger von 1955 - Foto Jürgen Hoffmann (c) LVR-Rheinisches Industriemuseum "Köln - Verkehrskreuz des Westens" Plakat von 1956 - Foto Jürgen Hoffmann (c) LVR-Rheinisches Industriemuseum
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Krupp Büffel von Lothar Göring aus Essen Regionale Größen stellten die Nutzfahrzeug-Oldtimer am 7. Mai Beliebter Kinderspielpaltz: der unschuldige Faun Muldenkipper Passte optimal zum Thema: Henschel HS 140 Kipper von Stefan Schumacher, der am Tag zuvor noch 9 to Kies ausgeliefert hatte
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O & K Dieselwalze aus den 1950er Jahren Ruthemeyer Dampfstrassenwalze der Deutag Teerbau Lilian mit der defekten Fowler im Schlepp Teerbau Lilian mit der defekten Fowler im Schlepp
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Die Deutag Ruthemeyer von 1906 fährt auf die Essener Strasse Kam gut an beim Publikum: Massstab 1:2 Dampftraktorenmodell Feflo Musste mit Defekt ausscheiden: Fowler Dampfstrassenwalze von 1906 Die vierspurige Essener Strasse war nicht breit genug, um die Dampstrassenwalze zu wenden
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Erhard Beloch auf der Teerbau Lilian Ruthemeyer Dampfstrassenwalze beim Langsamfahrwettbewerb Teerbau Lilian am Start zum 15 Meter-Rennen Ruthemeyer Dampfwalzen während des "Rennens"
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Ruthemeyer Dampfwalzen während des "Rennens" Jede Sitzgelegenheit wurde angenommen: KHD-Raupe von Paul Christian Unschuld Deutag Ruthemeyer auf dem Parcour Mit eigenem Fanclub: Deutag Ruthemeyer
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17 to Leergewicht: Deutag Ruthemeyer 100 Jahre und kein bisschen leise: Deutag Ruthemeyer Erhard Belochs Teerbau Lilian
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Schumachers Henschel HS 140 Kipper Stand im letzten Winkel des Geländes: Lanz Lokomobile von 1907 Wurde zu wenig beachtet: Lanz Lokomobile von 1907 Historische Kipper vor der imposanten Kulisse des Peter-Behrens-Bau